Die Verdauung des Kaninchens


Futter wird vom Tier aufgenommen, um den Körper mit notwendigen Nährstoffen zu versorgen. Das Futter wird so verarbeitet, dass geeignete Stoffe durch die Darmwand ins Blut und von dort zu den verschiedenen Organen transportiert werden. Dieser Vorgang wird als Verdauung bezeichnet. Unterschieden wird dabei die mechanische und die chemische Verdauung, wobei die mechanische zum Großteil der Vorbereitung und Unterstützung dient, während die chemische Verdauung den wichtigeren Teil übernimmt.


Kaninchen sind Pflanzenfresser. Obwohl sie wie andere Säugetiere nicht in der Lage sind, Zellulose zu verwerten, können sie ihre pflanzliche Nahrung mithilfe ihres Verdauungstraktes gut verwerten. Der Verdauungstrakt ist dabei nicht primär dafür ausgelegt, Zellulose mit höchster Effizienz zu verdauen, sondern aus einer großen Menge faserreicher Nahrung die leichter verdaulichen Stoffe zu extrahieren (Hörnicke 1984).

Das Thema Gesundheit und Verdauung wird hier näher behandelt: Verdauung


Abbildung 1. Verdauungssystem des Kaninchens in der Übersicht. 1 = Maul; 2 = Speiseröhre; 3 = Leber; 4 = Magen (pH = 1,5 - 2,0); 5 = Dünndarm (pH = 7,2); 6 = Blinddarm (pH = 6,0), 7 = Dickdarm (pH = 6,0); 8 = After

Der Prozess beginnt im Maul mit der Zerkleinerung der Nahrung. Bedingt durch die Pflanzennahrung, haben Kaninchen nachwachsende Zähne. Mahlbewegungen und in der Nahrung (Gras, Kräuter) enthaltene Kristalle, z.B. in Form von Kieselsäure, schleifen Zähne ab.

Die Verdauung beginnt bereits im Maul. Amylase, ein Enzym, das im Speichel enthalten ist, spaltet einen Teil der verdauliche Stärke in kurzkettige Zucker. Nun gelangt das Futter in den Magen. Dort wird es zwischengespeichert und mit Salzsäure versetzt. Dadurch werden Mikroorganismen abgetötet und Eiweiße inaktiviert.

Der Magen des Kaninchens ist gekennzeichnet durch eine dünne Wand mit schwach ausgeprägter Muskulatur, die nur am Pylorus stärker ausgebildet ist (Wolff und Klomburg 1979). Futter wird daher mit durch nachfolgende Nahrung weiterbewegt. Ein Erbrechen ist dem Kaninchen dadurch nicht möglich, die Entleerung des Magens funktioniert nur in darmgerichteter Bewegung. Der Magen eines Kaninchens hat ein Fassungsvermögen von etwa 50 cm², bei praller Füllung kann es sich auf etwa 200 cm² erweitern. Die Magenwand besteht aus einer äußeren bindegewebsartiger Umhüllung, einer muskulösen Hauptschicht in der Mitte und einer inneren Schleimhaut. Durch schlauchförmige Drüsen wird Magensaft abgesondert. Der Nahrungsbrei verbleibt eine Weile im Magen, durch die Wirkung der Enzyme im mit abgeschluckten Speichel wird das Eiweiß verdaut. Durch den kontinuierlichen Druck von oben und durch langsame, peristaltische Wellen der Magenmuskulatur gelangt das Futter zum Magenpförtner und in den Dünndarm.

Abbildung 1. Der Magen des Kaninchens (nach Hoffmann). Unterteilt wird der Magen in drei Regionen. Die Kardia, der Fundus und der Polyrusbereich. Das Volumen des Magens beträgt etwa 36% der Gesamtverdauungstraktes. Er ist J-förmig. Aufgrund des ausgeprägten Kardiasphinkter sind Kaninchen nicht in der Lage zu erbrechen. Die Muskelfaserschichtung ist schwach ausgeprägt, weshalb die Nahrung vor allem mechanisch durch aufgenommene Nahrung weiter transportiert wird. Das Fassungsvermögen des Kaninchenmagens ist recht gering.

Der Darm des Kaninchens hat eine Gesamtlänge von ca. 3,5 m. Der Dünndarm macht 2/3 davon aus, der Dickdarm 1/3 (Harkness 1987).

Der Dünndarm ist mit der Bauchspeicheldrüse verbunden. Im Dünndarm werden die Nährstoffe mithilfe von Enzymen, welche mitunter die Bauchspeicheldrüse absondert, wie das Trypsin, Diastase und Lipasen in ihre Bausteine (z.B. Aminosäuren) zerlegt. Gleichzeitig gibt die Bauchspeicheldrüse Insulin, ein Hormon zur Zuckerregulation, direkt ins Blut ab. Aus Drüsen in der Dünndarmschleimhaut werden zusätzlich Enzyme wie Maltase, Saccarase und Erepsin zur Verdauung von Kohlenhydraten und Eiweißen abgesondert.

Die Darmzotten, winzige finger- und zitzenförmige Fortsätze der Schleimhaut, überzogen mit Epithelzellen und feinsten Blutkapillaren dienen der Oberflächenvergrößerung und ermöglichen somit eine vermehrte Resorption der Nährstoffe ins Blut.

Nach der Verdauung durch die verschiedenen Enzyme und Resorption von möglichst vielen Nährstoffen gelangt der Nahrungsbrei je nach Beschaffenheit in den Blinddarm oder den Dickdarm. Größere Moleküle (> 0,1 mm) werden am Blinddarm vorbei geschleust, kleinere Moleküle wie unverdauliche Stärke, Pektine und Fettsäuren gelangen in den Blinddarm. Dort werden diese Stoffe von Bakterien verwerten. Anschließend werden diese mit dem Weichkot (Blinddarmkot) ausgeschieden, vom Kaninchen wieder aufgenommen und können so genutzt werden.

Die Aufnahme des Blinddarmkots wird durch folgende Faktoren reguliert (Fekete 1991):

  • Reizung der Mechanorezeptoren im Rektum
  • spezifische Geruch des Blinddarmkots
  • Sättigungsgrad (vom Spiegel diverser Metaboliten im Blut beeinflusst)

Bei Energiemangel wird die Gesamtmenge des ausgeschiedenen Blinddarmkots vom Kaninchen aufgenommen (Kalugin 1980). Auch nehmen Kaninchen, welche mit proteinarmen, aber ballaststoffreichen Futter ernährt werden mehr Weichkot auf als Kaninchen, welche mit einer ballaststoffarmen Nahrung gefüttert werden (De Blas et al. 1986). Gewisse Unausgewogenheiten in der Nahrung können durch den Blinddarmkot so zeitweise ausgeglichen werden.

Grobes Futter umgeht den Blinddarm und gelangt durch den Dünndarm direkt in den Dickdarm. Große, faserreiche Nahrung ist daher schwerer verdaulich für Kaninchen. Dadurch fördert es die Entfernung von Haarballen aus dem Magen, vermindert aber in zu großen Mengen auch die Aufnahme von wichtigen Nährstoffen.

Im Dickdarm wird hauptsächlich Wasser resorbiert und dadurch die Kotmassen eingedickt. Zwar findet sich im Blinddarm eine reichhaltige Bakteriengesellschaft, welche unter anderem auch Zellulose aufschließen kann, allerdings können die Produkte nicht vom Kaninchen aufgenommen werden, da sie mit dem Hartkot abgehen.


Verdauungsfermente

Am Verdauungsprozess sind verschiedene organische Katalysatoren, auch als Enzyme bezeichnet, beteiligt. Neben Amylase, welche bereits im Maul wirkt, sind zahlreiche andere Enzyme für bestimmte Nährstoffe zuständig. Pepsin findet sich im Magensaft und spaltet Proteine. Lipasen zerlegen Fette in Glyzerine und Fettsäuren.


Darmflora

Bis zum 15. Lebenstag weisen 75 % der jungen Kaninchen keine Keimflora im Magen auf und haben einen pH-Wert bei einem Magen pH-Wert von 4,5 – 5,0 (Gouet und Fonty 1979). Ab dem 17. Lebenstag beginnen die Jungkaninchen Blinddarmkot und mit diesem die Caecumbakterien aufzunehmen (Smith 1965).

Die Darmflora adulter, gesunder Kaninchen setzt sich hauptsächlich aus grampositiven Bakterien, anaeroben Lactobakterien und zum geringen Teil aus anaeroben Bacteroides-Arten zusammen (Löliger 1986). Coliforme Bakterien oder andere Enterobacteriacaea wie auch Clostridien sind nur in geringer Zahl und meist auch nur vorübergehend vorhanden.

Laktobazillen und Clostridien treten erst bei Aufnahme von Grünfutter auf (Fekete 1991).

Verteilung der Darmflora nach Fekete (1991):

  • Jejunum (Dünndarmabschnitt): 104-5 KbE/g Chymus
  • Blinddarm: 109 KbE/g Chymus
  • Kolon/Enddarm:108 KbE/g Chymus

Hauptartikel: Anatomie - Darmflora


Der zeitliche Verlauf

Die Dauer der Verdauung ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Unverträgliche Nahrung kann mittels Durchfall schnell aus dem Körper befördert werden, dabei gehen allerdings auch wichtige Nährstoffe verloren. Viele unverdauliche, strukturierte Bestandteile führen zu einer schnelleren Verdauung, ist die Nahrung größtenteils verdaulich und unstrukturiert, wird die Verdauung verlangsamt.

Versuche mit verschiedenen Nahrungskomponenten zeigen eine Hauptausscheidung innerhalb der ersten 24 Stunden, spätestens nach 2 Stunden. Weitere Ausscheidungen sind bis zum 5 Tag möglich, geringe Reste sogar bis zum 10ten Tag.



Quellen

Boback, Alfred W.; Das Wildkaninchen: (Oryctolagus cuniculus (Linné, 1758); 2., unveränd. Aufl.; Nachdr. der 1. Aufl., Wittenberg Lutherstadt, Ziemsen, 1970; Hohenwarsleben; Westarp-Wiss.-Verl.-Ges.; 2004; (Die neue Brehm-Bücherei; 415); ISBN 3-89432-791-X

De Blas, J.C., Santoma, G. , Carabano, R. and Fraga, J. (1986): Fiber and starch levels in fattening rabbit diet J. Anim. Sci. 63, 1897 - 1904

Fekete, S. (1991): Neuere Erkenntnisse über die Verdauungsphysiologie des Kaninchens, Übers. Tierern. 19, 1 - 22

Gouet, Ph.; Fonty, G. (1979): Changes in the digestive microflora of holoxenic rabbits from birth until adulthood, Ann. Biol. Anim. Biochem. Biophys., 19 (3), 553 - 566 In: Maertens L., Coudert P. (Eds.) Recent Advances in Rabbit Sciences, ILVO, Melle (Belgien), 211-227

Harkness, J.E. (1987): Rabbit husbandry and Medicine, In: HARKNESS, J.E. (ed.): The Veterinary Clinics of North America Small Animal Practice 17, pp. 1019 - 1044, W.B. Saunders, Philadelphia, London, Toronto, Sydney, Tokio

Hörnicke, H. (1984): Neuere Ergebnisse zur Physiologie des Dickdarms bei Kaninchen I. Morphologie, Passagezeiten, Mikrobiologie, Wasser und Elektrolyte Übers. Tierern. 12, 215 – 250

Kalugin, Y.A. (1980): Digestive physiology of rabbit (russ), Kolos, Moscow, pp. 25 - 27

Löliger, C. (1986): Kaninchenkrankheiten, Leitfaden für Tierärzte und Studierende der Veterinärmedizin, Enke-Verlag Stuttgart

Schlolaut, W. (Hrsg) in Zusammenarbeit mit Lange, K.; Das große Buch vom Kaninchen; 3., erw. Aufl.; Frankfurt am Main; DLG-Verl., 2003; 488 S.; ISBN 3-7690-0592-9

Smith, H.W. (1965): The development of the flora of the alimentary tract in young animals. J. Path. Bact., 90; 495 – 513

Wolff, D., und Klomburg, S. (1979): Das Hauskaninchen (Systematische Stellung, Pathophysiologie, Ernährung, Reproduktion, Narkose, Krankheiten), Berl. Münch. Tierärztl. Wochenschr. 92, 65 -72

Zumbrock, B.: Untersuchungen zu möglichen Einflüssen der Rasse auf die Futteraufnahme und –verdaulichkeit, Größe und Füllung des Magen-Darm-Traktes sowie zur Chymusqualität bei Kaninchen, Diss. Tierärztliche Hochschule Hannover, 2002