Im Maul des Kaninchens beginnt die Verdauung. Die Zähne spielen hierbei eine wichtige Rolle und werden selbst durch die Ernährung erheblich beeinflusst.
Kapitel
Das Gebiss
Der Kiefer
Nahrungsaufnahme
Warum wachsen die Zähne des Kaninchen ständig nach?
Wie nutzt das Kaninchen seine Zähne ab?
Warum ist kauen und nagen sonst noch wichtig?
Das Gebiss
Das erwachsene Kaninchen hat insgesamt 28 Zähne. Der Oberkiefer des Kaninchens weist pro Quadrant zwei Incisivi, keine Canini, drei Prämolaren und drei Molaren auf (Crossley et al. 1995). Hinter den beiden großen Schneidezähnen im Oberkiefer sind noch zwei weitere kleine stiftförmige Zähne vorhanden, so dass hier zwei Paar Zähne hintereinander liegen (Romer et al. 1983). Im Unterkiefer hingegen finden sich nur zwei Prämolare.
Das Milchgebiss des Kaninchens, über welches es im Alter von 3-5 Wochen verfügt, hat 16 Zähne. Die großen Schneidezähne werden im Gegensatz zu den Kleinen des Oberkiefers nicht gewechselt.
Die Zähne der Kaninchen bezeichnet man auch als wurzellose Zähne. Das heißt die Zähne besitzen keine von Zement überzogene Zahnwurzel. Sie wachsen ein Kaninchenleben lang. Im Unterkiefer etwa 1,1-1,8 mm in der Woche, im Oberkiefer 1,3-1,7 mm pro Woche. (Wolf und Kamphues 1999).
 |
| Abbildung 1. Stiftzähne. Die Vorderzähne eines Kaninchnes im Oberkiefer. Deutlich zu sehen die stiftfömrmigen Zähne hinter den Schneidezähnen. |
Der Kiefer
Das Kiefergelenk des Kaninchens ist ein Schlittengelenk (Schall 1990). Durch eine längsgerichtete Furche wird ein schlittenartiges Vor- und Zurückbewegen des Kiefers ermöglicht (Eisenmeyer und Zetner 1982).
Nahrungsaufnahme
Die Aufnahme von Nahrung erfolgt durch Abbeißen der einzelnen Bissen, welche mit einer eher schneidenden Bewegung durch das aneinander vorbei gleiten der Incisivi abgeteilt werden. Mit Hilfe der Zunge wird die Nahrung so gedreht und verschoben, dass sie zwischen die Backenzähne gelangt und durch seitwärts erfolgende Mahlbewegungen zerkleinert wird. Mit jedem neu aufgenommenen Bissen wird die Nahrung weiter nach hinten geschoben, bis der Nahrungsbrei auf den Zungengrund gelangt und abgeschluckt wird. (Hörnicke 1978).
Gekaut wird nur einseitig, wobei nach 800 bis 1000 Kaubewegungen ein Seitenwechsel erfolgt. (Morimoto et al., 1985). Pro Sekunde erfolgen 3,5 bis 5 Kaubewegungen. (Schley 1985)
Warum wachsen die Zähne des Kaninchen ständig nach?
Pflanzen wachsen meistens nicht, um Pflanzenfressern als Nahrung zu dienen. Da ihnen die Flucht vor einem Räuber doch eher schwer fällt mussten sie andere Mechanismen entwickeln, um sich vor Fressfeinden zu schützen.
Eine Variante, die sich im Laufe der Evolution entwickelt hat, ist die Einlagerung von Sauerstoffsäuren des Siliziums, auch Kieselsäure genannt. Kieselsäure ist so hart, dass sich damit Glas ritzen lässt und sie härter als Zahnschmelz (Baker u. Easly 2000). Zwischen den Zähnen eines Fressfeindes, der die Pflanze zerkaut, wirken die kleinen Kristalle wie Schmirgelpapier. Bald sind die Zähne abgenutzt und der Pflanzenfresser muss verhungern. Auch andere Stoffe, wie Lignin sind am Zahnabrieb beteiligt.
Pflanzenfresser waren also gezwungen, sich anzupassen. Die Variante der Hasenartigen sind die nachwachsende Zähne.
Wie nutzt das Kaninchen seine Zähne ab?
Wichtig für eine vernünftige Abnutzung der Zähne ist eine angemessene Ernährung. Je länger ein Kaninchen zu kauen hat, desto größer ist der Erfolg. Am längsten gekaut werden langfasrige Futtermittel. Gräser, Kräuter und Heu enthalten die wichtige Kieselsäure ebenso wie verschiedene andere Stoffe (z.B. Lignin), die dem Zahnabrieb dienen. Ohne eine entsprechende Fütterung kann es zu Problemen kommen.
Neben dem Schmirgeleffekt der kleinen Kristalle und dem gegeneinander reiben der Zähne beim Kauvorgang können die Schneidezähne auch durch das Kaninchen selbst abgenutzt werden. Durch aufeinander reiben der Zähne können diese auf die passende Länge geschliffen werden.
Eine besonders effektive Abnutzung erfolgt also durch Futtermittel, die lange und viel gekaut werden und von ihrer Struktur und Zusammensetzung den Bedürfnissen des Kaninchens entsprechen. Konzentratfutter (Pelletfutter, Fertigfutter) ist am wenigsten effektiv, es wird wenig gekaut und geringere Mengen aufgenommen. Die größte Effektivität lassen sich mit frischen Gräsern und Kräutern erzielen.
Benötigte Zeit zur Aufnahme von einem Gramm Trockensubstanz nach Schlolaut (2003):
- Heu (später Schnitt): 12,2 min
- Heu (früher Schnitt): 4,72 min
- Heubriketts: 2,30 min
- Gras: 6,84 min
- Mischfutter, pelletiert: 1,40 min
Frisches Grün ist effektiver als Heu, da durch en höheren Wassergehalt wird mehr frisches Grün aufgenommen und daher auch mehr gekaut wird. Zudem ist der Gehalt an Kieselsäure, der dem Zahnabrieb dienen kann, ist in frischem Grün höher als in der getrockneten Variante. Denn Kieselsäure sitzt zwischen langen Cellulosemolekülen. Fehlt das Wasser, werden diese brüchig und ein Teil der Kieselsäure geht verloren.
Futteraufnahme pro Tag bei freier Aufnahme eines Futtermittels (Häsin 4 kg) nach Lackenbauer:
- junges Gras: 852 g
- Rotklee, jung: 2120 g
- Luzerneheu: 228 g
- Wiesenheu: 232 g
Neben einem effektiveren Abrieb beugt eine Ernährung mit ausreichend frischem Grünfutter auch Mangelerscheinungen vor, welche häufig Ursache für entstehende Zahnspitzen sind. Insbesondere Unterversorgung mit Mineralien oder nötigen Stoffen für den Mineralienstoffwechsel führen zu einer mangelhaften Verankerung der Zähne im Kiefer, wodurch diese sich drehen können, nicht mehr aufeinander passen und es so zu einer ungleichmäßigen Abnutzung kommt.
Hauptartikel: Zahnproblemen und Kieferabszessen
Warum ist kauen und nagen sonst noch wichtig?
Nicht nur die Abnutzung der Zähne, auch andere Zwecke werden mit einem intensiven Kau- oder Nagevorgang erfüllt.
Auch Kaninchen haben auf ihren Zähnen Bakterien, die den wichtigen Zahnschmelz angreifen können. Der Zahnschmelz ist nötig, damit die Zähne ihre Aufgabe als Schneide- und Meiselwerkzeuge erfülle können. Ohne diesen Zahnschmelz können die Zähne leicht brechen. Um den Bakterienrasen von Zeit zu Zeit zu entfernen ist es wichtig, dass den Tieren Nagematerial zur Verfügung steht. Durch den Nagevorgang werden selbst bei geringsten Bewegungen die Bakterien weggekratzt, da die Zähne eng am Objekt anliegen. Frische Äste und Zweige eignen sich hier besonders, da der austretende Baumsaft leicht antibakteriell wirkt und eine unterstützende Wirkung hat.
Das Zahnfleisch schützt und fixiert die Zähne im Kiefer. Es verhindert, dass die Belastung für den Knochen zu groß wird. Um seine Wirkung zu erfüllen, muss das Zahnfleisch gut durchblutet sein. Dies ist nur der Fall, wenn es entsprechend massiert wird. Ist dies nicht der Fall, können die Zähne sich leicht drehen und kleine Risse im Kiefer verursachen. Zudem kann es dadurch zur mangelhaften und falschen Abnutzung (da der Gegenbiss nicht mehr ideal ist) und es zu Zahnfehlstellung mit verheerenden Folgen kommen. Kau- und Nagevorgänge sind äußerst wichtig, damit das Zahnfleisch massiert wird.
Auch um die Kaumuskeln, die dafür Sorgen, dass das Kaninchen seine Nahrung problemlos fressen kann, zu trainieren, ist nagen und kauen von ausreichend langen Pflanzenfasern unbedingt nötig.
Eine angemessene Ernährung trägt zu einem gesunden Kieferapparat bei.
Quellen
Baker, G., Easly, J.: Zahnheilkunde in der Pferdepraxis, ISBN 3-87706-592-9
Bresinsky, A., Körner, C., Kadereit, J., Neuhaus, G., Sonnewald, U.: Strasburger - Lehrbuch der Botanik, Spektrum Akademischer Verlag, 2008, ISBN 3827414555, 9783827414557
Crossley, A.: Clinical aspects of lagomorph dental anatomy: the rabbit (oryctolagus cuniculus). J Vet Dent 1995;12(4):137-40.
Eisenmeyer, E., Zetner, K.(1982): Tierärztliche Zahnheilkunde Verlag Paul Parey, Berlin
Gesellschaft für Pferdemedizin (Stand 18.02.2010)
Hörnicke, H. (1978): Futteraufnahme beim Kaninchen - Ablauf und Regulation, Übers. Tierernährung 6, 91-148
Kamphues, J., Wolf, P., Fehr, M. (Hrsg.) Praxisrelevante Fragen zur Ernährung kleiner Heimtiere (kleine Nager, Frettchen, Reptilien), Beiträge einer Fortbildungsveranstaltung des Instituts für Tierernährung und der Klinik für kleine Haustiere der Tierärztlichen Hochschule Hannover, 02.10.1999, 7-13
Lackenbauer, W.; Kaninchenfütterung: tiergerecht - naturnah - wirtschaftlich; 3., überarb. Aufl. Reutlingen; Verl.-Haus Reutlingen Oertl und Spörer; 2001; ISBN 3-88627-704-6
Morimoto, T., Inoue, T., Nakamura, T., Kawamura, T. (1985): Characteristics of rhythmic jaw movements of the rabbit Arch. Oral Biol. 30, 673-677
Romer, A., Parson, T.: Vergleichende Anatomie der Wirbeltiere. Hamburg und Berlin: Verlag Paul Parey; 1983: 107.
Schall, H. (1990): Narkose und Zahnprobleme bei Heimnagetieren Prakt. Tierarzt 71 (10), 15-16
Schley, P. (1985): Tierzuchtbücherei: Kaninchen, Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart