Ernährungsmythen auf der Spur


Zahlreiche Angaben zu Kaninchenernährung kursieren im Netz. Vieles beruht auf Missverständnissen, die von einer Person zur anderen weiter getragen werden. Falsch interpretierte Beobachtungen, daraus resultierende Schlussfolgerungen und Verallgemeinerungen tragen ihren Teil zu zahlreichen Ernährungsmythen bei.


Übersicht

  • Brot ist wichtig für den Zahnabrieb
  • Ein Kaninchen sollte max. 100 g/kg Frischfutter bekommen
  • Hauskaninchen können nicht selektieren, da sie domestiziert sind
  • Heu allein reicht, um Kaninchen zu ernähren
  • Getreide ist schädlich
  • Kaninchen brauchen 80 % Heu und 20 % Frischfutter
  • Kaninchen müssen ständig fressen
  • Nasses Gras ist gefährlich
  • Obst darf nur selten gefüttert werden
  • Pfeifhasen legen sich Heuvorräte für den Winter an, deshalb ist Heu für Kaninchen die richtige Nahrung
  • Trockenfutter ohne Getreide ist gesund
  • Wildkaninchen müssen im Winter und in Trockenzeiten getrocknete Nahrung fressen, deshalb ist eine Ernährung mit Heu als Hauptfutter sinnvoll
  • Wildkaninchen fressen getrocknetes Gras, also braucht ein Hauskaninchen nur wenig Frischfutter
  • Zuviel Frischfutter verursacht Durchfall
  • Kaninchen sind an eine karge Kost angepasst
  • Bei einer ad libitum Ernährung wird soviel Frischfutter gefüttert, dass immer etwas übrig bleibt
  • Gemüse enthält deutlich mehr Zucker/Stärke als Heu
  • Wurzelgemüse enthält viel Energie
  • Kaninchen finden in freier Natur nur wenige Pflanzenarten, deshalb brauchen sie keine Abwechslung



Brot ist wichtig für den Zahnabrieb

Kaninchenzähne nutzen sich durch Mahlbewegungen ab. Unterstützt wird die Abnutzung durch kleine, sehr harte Partikel wie Kieselsäure. (Hauptartikel: Zähne und Gebiss)

Hartes Brot wird weder lang gekaut, denn es wird schnell zu Brei, noch enthält es schmirgelnde Substanzen. Brot enthält viele Dinge, die im Kaninchenmagen nichts zu suchen haben und kann nicht sichtbare Schimmelsporen enthalten. Es ist unnötig bis schädlich für Kaninchen.


Ein Kaninchen sollte max. 100 g/kg Frischfutter bekommen

Dieser Mythos ist ein typisches Ergebnisse unreflektiert übernommener Aussagen. Die Angabe stammt von einer bekannten Kaninchenseite (diebrain.de) und war dort nicht als Maximum, sondern als Orientierungshilfe gedacht. Inzwischen wurde der Text etwas verändert und beugt daher Missverständnisse besser vor. Leider kursiert dieser Mythos aber trotzdem immer noch unter vielen Kaninchenhaltern.

Originaltext:

"Als grobe Faustregel gilt: etwa 80 g Frischfutter pro 1 kg Kaninchengewicht braucht ein Kaninchen zum Überleben. Allerdings hängt die wirklich benötigte Menge von der Qualität und der Zusammensetzung der Frischfuttermenge und dem Bedarf des einzelnen Tieres ab."

Quelle: www.diebrain.de/k-futter.html (Stand 19.02.2011)


Hauskaninchen können nicht selektieren, da sie domestiziert sind

Auch domestizierte Tiere können selektieren, wie an verschiedenen Haustierarten wie Ratten (Sclafani 1995), Mäusen (Freeland et al. 1981) und Hausschweinchen (Lindmayer und Propstmeier 2006, Ettle und Roth 2005) gezeigt werden konnte.

Das Selektionsverhalten ist teilweise angeboren (Sclafani 1995), größtenteils jedoch erlernt (Velimirov 2009). Die Ernährung domestizierter Kaninchen erfolgt erst seit vergleichsweise kurzer Zeit mit einheitlichem Fertigfutter, selbst heute gibt es noch viele Züchter, die ihre Kaninchen mit Gartenabfällen oder gesenster Wiese zu ernähren. Selektionsverhalten blieb daher auch für Hauskaninchen wichtig.

Auch heute noch zeigen Hauskaninchen Selektionsverhalten. Wie selektiert wird ist abhängig von der Fütterung der Tiere und welche Möglichkeiten die Kaninchen bislang hatten, verschiedene Wirkstoffe bzw. Pflanzen und Nahrungsmittel kennen zu lernen. Auch Krankheiten können eine Rolle spielen. Keinesfalls sollte der Halter davon ausgehen, dass jedes Kaninchen grundsätzlich immer alles selektieren kann.

Hauptartikel: Nahrungswahl/Selektion


Heu allein reicht, um Kaninchen zu ernähren

Beim Trocknungsprozess von Wiese zu Heu gehen 30 - 50 % der Nährstoffe verloren, weitere 6 - 8 % können es bei jedem Monat Lagerung sein. Damit ist der Gehalt an Nährstoffen im Heu wesentlich geringer. Verloren gehen vor allem sekundäre Pflanzenstoffe, die wichtig für das Immunsystem sind, sowie Vitamine. Heu ist zudem ein Trockenfutter mit einem Wassergehalt von max. 15%. Wird nicht zusätzlich viel Flüssigkeit durch das Tier aufgenommen, was häufig der Fall ist, kann es dadurch zu Schäden kommen. Zusätzlich nimmt die Verdaulichkeit durch den Trocknungsprozess ab.

Es daher unbedingt nötig, auf eine ausreichende Ergänzung mit vielfältigem Grünfutter zu achten.

Hauptartikel: Heu - Grundnahrungsmittel für Kaninchen?


Getreide ist schädlich

Getreide wird häufig verteufelt, während Trockenfutter ohne Getreide empfohlen wird. Grund für diese Empfehlungen sind Beobachtungen, dass Kaninchen welche mit Fertigfutter ernährt werden an Problemen mit den Zähnen oder dem Darmtrakt leiden können, die nach Absetzung des Fertigfutter verschwinden. Ursache sind hierbei jedoch zahlreiche andere Faktoren, nicht Getreide an sich. Getreide ist daher nicht generell schädlich. Ausschlaggebend ist der richtige Einsatz der richtigen Sorten zum richtigen Zeitpunkt. Getreide kann wie viele andere Futtermittel schädlich werden, genauso kann es aber in bestimmten Situationen ein sinnvoller Zusatz sein.

Hauptartikel: Kraftfutter - Getreide


Kaninchen brauchen 80 % Heu und 20 % Frischfutter

Ein Mythos der leider noch recht häufig zu finden ist. Kaninchen können problemlos von 100 % geeignetem Frischfutter ernährt werden. Heu ist für Kaninchen nicht zwingend notwendig, auch wenn es in hochwertiger Qualität stets zur freien Verfügung stehen sollte.

Bei nur 20 % Frischfutter besteht die Gefahr ein Mangelernährung, da Heu nicht dem Nährstoffbedarf eines Kaninchens deckt. Ein Kaninchen sollte nicht durch Entzug von frischem Futter dazu gezwungen werden, Heu zu fressen.

Hauptartikel: Heu - Grundnahrungsmittel für Kaninchen?


Kaninchen müssen ständig fressen

Der Magen des Kaninchens ist gekennzeichnet durch eine dünne Wand mit schwach ausgeprägter Muskulatur, die nur am Pylorus stärker ausgebildet ist (Wolff und Klomburg 1979). Futter wird daher mit durch nachfolgende Nahrung weiterbewegt. Die Abgabe des von Mageninhalt in den Dünndarm erfolgt über den Magenpförtner. Im Magen wird die Nahrung mit Magensäure versetzt, welche Eiweißmoleküle denaturieren. Enzyme zerlegen die Eiweißmoleküle in Aminosäuren. Dieser Vorgang benötigt Zeit, daher ist es auch nötig, dass Nahrung eine bestimmte Zeit im Magen verbleibt. Kaninchen sind bestrebt, ihren Magen gefüllt zu halten. Allerdings wird der Nahrungsbrei nicht durch kräftiges nachschieben von oben aus dem Magen in den Dünndarm befördert, der Nahrungsbrei wird nur langsamer weiterbefördert, wenn wenig Nahrung aufgenommen wird. Das heißt allerdings nicht, dass ein Kaninchen ständig fressen muss.

Unter natürlichen Umständen sind die Tiere am Tag mehrere Stunden aktiv, während sie zu anderen Zeiten ruhen. Es ist daher völlig normal, dass Kaninchen auch über längeren Zeitraum keine Nahrung aufnehmen.

Kaninchen kompensierten kritische Nahrungssituation durch Mangel an Bewegung und ständiger Nahrungsaufnahme (Eisermann et al., 1993; von Holst, 1998). Frisst ein Kaninchen ständig, sollte der Halter dringend Gesundheitszustand und Ernährung seines Kaninchens überprüfen.

Kaninchen müssen daher nicht ständig fressen, allerdings sollte ihnen ständig Nahrung zur Verfügung stehen, auf die sie bei Bedarf zurückgreifen können.


Nasses Gras ist gefährlich

Werden Kaninchen im Außengehege gehalten, werden sie insbesondere bei Weidehaltung immer wieder mit größeren Mengen von nassem Frischfutter konfrontiert. Weder nasses Gras noch anderes nasses Frischfutter sind für Kaninchen ein Problem, sofern sie es gewohnt sind.

Nur länger im Warmen liegen sollte solches Futter nicht, insbesondere als größerer Haufen. Denn im feuchter, warmer Umgebung vermehren sich Bakterien schnell und es kann zu Gärungen kommen.

Steht Kaninchen nachts nur Trockenfutter wie Heu zu Verfügung und werden sie am kommenden Morgen auf die Wiese gelassen, kann es passieren, dass die Tiere ohne zu selektieren alles fressen, was sie finden. Es kann durchaus vorkommen, dass Kaninchen anschließend mit Verdauungsproblemen zu kämpfen haben. Das Problem ist hierbei aber nicht die Nässe auf den Gräsern. Insbesondere auf angelegtem Rasen oder Nutzwiesen findet sich eine Vielzahl an Hochleistungsgräsern. Besonders im Herbst, wenn die Tage noch warm und die Nächte kalt sind kann es durch die Kälte Nachts zu einem erliegen des Transportes von Assimilaten in den Geweben der Pflanzen kommen. Dadurch sammeln sich vor allem Zucker an. Neben dem hohen Zuckergehalt kann auch die Zusammensetzung des Zuckers der Verdauung Probleme bereiten.

Daher sollte Kaninchen, bevor sie auf die Weide kommen, ausreichend Frischfutter zur Verfügung haben. Dadurch selektieren sie auch auf der Weide ungeeignete Gräser aus.


Obst darf nur selten gefüttert werden

Als Obst bezeichnet man genießbare Früchte und Samen von meistens mehrjährigen Bäumen und Sträuchern. Oft wird von Kaninchenhaltern empfohlen, Obst nur max. 2-3x die Woche oder als Leckerchen zu verfüttern, da es als sehr zuckerhaltig gilt.

Der Vergleich zeigt allerdings, dass der Gehalt an Zucker in Obst nicht unnatürlich hoch ist:

Werte auf 100g Frischgewicht:

Heidelbeere Brombeere Apfel Löwenzahn Majoran Petersilie
Glucose 3.00 g 1,28 g 2.04 g 5,39 g 2,75 g 2,95 g
Fructose 4.07 g 1,35 g 5.74 g 3.10 g 2,75 g 1,84 g
Saccharose 0.29 g 0.07 g 2.55 g - 1,31 g -
Stärke - - 0.59 g 0.64 g 0.07 g 2,58 g
Gesamt 7,36 g 2,7 g 10,92 g 9,31 g 6,88 g 7,37 g

Quelle (Stand 10.08.2010); Wissenswertes zur Futtermittelanalyse

Obst im frischen Zustand hat keinen bedenklichen Zuckergehalt und ist durch viele enthaltene wichtige Nähr- und Wirkstoffe für Kaninchen gesund. Nach Ewringmann (2005) dürfen bis zu 1/4 des täglichen Frischfutters Obst sein. Bei einer Ernährung mit abwechslungsreichem Frischfutter darf der Speiseplan täglich mit Obst erweitert werden.


Pfeifhasen legen sich Heuvorräte für den Winter an, deshalb ist Heu für Kaninchen die richtige Nahrung

Seit einer Dokumentation über Pfeifhasen gibt es Halter, die Heu als ein geeignetes Nahrungsmittel für Kaninchen damit begründen, dass Pfeifhasen Heu herstellen und sich damit einen Futtervorrat anlegen.

Pfeifhasen (Ochotonidae) sind eine Familie innerhalb der Hasenartigen (Lagomorpha). Sie erreichen je nach Art eine Länge von 13 bis 30 cm und sind in Asien und Nordamerika zuhause. Damit haben sie weniger mit den Wildkaninchen gemein als der Feldhase, der gemeinsam mit den Wild(und Haus-)kaninchen zur Familie der Hasen (Leporidae) zählt.

Selbst zwischen Feldhase und Kaninchen gibt es deutliche Unterschiede. Aber es gibt Haltern, welche mit der Begründung, Feldhasen seien Einzelgänger ihre Kaninchen einzeln halten und andere, die Heu für die richtige Nahrung von Hauskaninchen halten, weil Pfeifhasen sich damit im Winter ernähren. Alle anderen dürfen dieses Argument getrost ins Reich der Mythen verbannen.


Trockenfutter ohne Getreide ist gesund

Trockenfutter mangelt es an Flüssigkeit, wodurch es diese bei Kontakt aufnimmt und quillt. Dadurch wird wichtige Flüssigkeit entzogen, was bei einem Tier, welches seinen Flüssigkeitsbedarf hauptsächlich über die Nahrung deckt, sehr problematisch ist. Flüssigkeit ist unter anderem wichtig für eine ausreichende Ausscheidung überschüssiger Mineralien mit dem Urin, wodurch Trockenfutter Probleme im Harntrakt fördern kann.

Oft sind den Trockenfuttern verschiedene Zusätze beigegeben, die den Kaninchen schaden können. Jede Art von Pellets, auch Heucobs sind für gesunde Kaninchen unnötig bis schädlich.


Wildkaninchen müssen im Winter und in Trockenzeiten getrocknete Nahrung fressen, deshalb ist eine Ernährung mit Heu als Hauptfutter sinnvoll

Wilde Kaninchen sind je nach Klimazone mit einem unterschiedlichen Angebot an Nahrung konfrontiert. Trockenzeiten und Kälte lassen das Angebot an Grünfutter schwinden. Die Tiere sind gezwungen, sich andere Nahrung zu suchen, in einigen Fällen greifen sie auch auf abgestorbene Pflanzen zurück.

Hauptartikel: Ernährung wilder Kaninchen

In hiesigen Breiten finden wilde Kaninchen selbst im Winter einiges an frischem Grün. Zwar wirken die Wiesen auf den ersten Blick trocken und braun, aber wer genau hinschaut, kann in den meisten Fällen erkennen, dass sich dort noch viel Leben finden. Die wilden Kaninchen können sich diese Pflanzen gezielt heraussuchen.

Für den Fall, dass sich zu wenig Frischfutter findet, legen sich wilde Kaninchen vor dem Winter Fettreserven zu. Diese liefern nicht nur wichtige Energie, sondern auch Wasser, welches einen Ausgleich zur Trockenen Nahrung schafft. Zudem sind die Tiere weniger aktiv und verbringen den Großteil des Tages mit der Nahrungssuche, um nicht unnötig Energie zu verbrauchen (Eisermann et al. 1993, v. Holst 1998). Durch diese Taktik verhungern die wenigsten wilden Kaninchen. Viel häufiger aber sterben die Tiere in harten Wintern durch Krankheiten, insbesondere durch Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes (Holst 2004). Der Mangel an wichtigen Wirkstoffen in den Pflanzen und Nährstoffen mindert die Effektivität des Immunsystems, wer nicht fit genug ist, wird ausselektiert.

Die Nahrung ist ein wichtiger Faktor für Kaninchen. Sie pflanzen sich nur fort, wenn ihnen ausreichend frisches Grün zur Verfügung steht und damit die Nährstoffversorgung gesichert ist. Insbesondere in Ländern wie Spanien ist die Nahrung der Hauptfaktor für den Beginn und die Dauer der Paarungszeit, während weiter im Norden, wo die Tiere ein größeres Angebot an Nahrung finden, die Nahrung eine weniger ausschlaggebende (aber immer noch wichtige) Rolle spielt (Soriguer und Myers 1986). Auch ist die Überlebensrate von Jungtieren, die in Gebieten mit ausgeprägten Trockenzeiten und damit verbundenem Nahrungsmangel leben, geringer.

Dies zeigt also, dass wilde Kaninchen durchaus Zeiten mit Mangel an frischem Futter überdauern. Aber das gilt nicht für jedes Kaninchen, jene die nicht ausreichend fit sind werden in solchen Zeiten vermehrt ausselektiert, da der Mangel an Nährstoffen das Immunsystem schwächt und die Tiere anfälliger für Erkrankungen sind. Kein Zustand, den sich der Halter für sein Hauskaninchen wünscht,

Es ist in den meisten Fällen nicht möglich, die Natur in Gefangenschaft nachzuahmen. Aber es ist dem Halter möglich, ein ausreichendes Angebot an geeigneter Nahrung zur Verfügung zu stellen und das Kaninchen selbst wählen zu lassen. Dadurch wird der Effekt, dass die Tiere aufgrund von Mangelernährung gefährdet werden, bestmöglich ausgeschlossen.


Zuviel Frischfutter verursacht Durchfall

Durch viel Frischfutter kann es zu Durchfall kommen, wenn die Verdauung des Kaninchens bereits massiv durch falsche Ernährung geschädigt ist oder das plötzlich ein großes Angebot an Frischfutter bekommt. Die Menge muss daher langsam gesteigert werden.

Kaninchen sind Frischköstler und ernähren sich zeitweilig nur von Grünfutter. Abgetrocknete/abgestorbene Pflanzenteile werden in der Regel nur gefressen, wenn es kein passendes Frischfutter mehr gibt. Bei einem Kaninchen, dass auf viel Frischfutter mit Durchfall reagiert, stimmt etwas entweder mit der Fütterung (zu schnell angefüttert, schlechtes oder unpassendes Futter...) oder dem Gesundheitszustand nicht.


Kaninchen sind an eine karge Kost angepasst

Welche Pflanzen bevorzugt werden, hängt bei wilden Kaninchen stark von Angebot und Bedarf ab. Turcek (1959) zufolge machen Kräuter den Hauptteil der Nahrung aus, wobei bei reichhaltigem Angebot Löwenzahn, junge Getreidesaaten, Kleearten, Petersilie, Luzerne, Lupine, Nelke und andere Gemüsearten bevorzugt werden. Nach Allgöwer (2005) fressen Kaninchen Kräuter und Süßgräser, wobei Süßgräser bis zu 2/5 der Nahrung ausmachen können. Bevorzugt werden eiweißreiche Pflanzen (Allgöwer 2005; Turcek 1959) und die zarten Blattspitzen, verholzte Pflanzenteile werden größtenteils gemieden. (Bucher 1994, Schlolaut 2003).Nur Überbeweidung, Trockenheit und Vegetationsruhe (Winter) veranlassen die Kaninchen dazu trockene, abgestorbene Grünpflanzen, Wurzeln oder verholzte Triebe zu fressen.

Kaninchen bevorzugen sehr nährstoffreiche, verdauliche Kost. Diese steht ihnen in der Vegetationszeit normalerweise zur Verfügung. Im Winter fressen Kaninchen Wintergetreide, Moose, Knospen und Triebe sowie Rinde von verschiedenem Gehölz. Teilweise verbrauchen wilde Kaninchen lieber Energie bei der Suche nach frischer Nahrung unter der Schneedecke als abgestorbene, nährstoffarme Pflanzen zu fressen. In besonders harten Wintern sterben zahlreiche Kaninchen nicht an Unternährung, sondern an geschwächtem Immunsystem und darauf folgende Erkrankungen (Holst 2004).

Mangel an Eiweiß im Winter kann, sofern den Kaninchen nicht ausreichend Kohlenhydrate zugeführt werden, schnell zu Muskelabbau führen.

Weder bevorzugen Kaninchen eine karge, nährstoffarme Kost noch sind sie darauf angepasst. Auf Dauer können die Tiere durch eine nährstoffarme Ernährung krankheitsanfälliger werden und Schaden nehmen.


Bei einer ad libitum Ernährung wird soviel Frischfutter gefüttert, dass immer etwas übrig bleibt

Ad libitum kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „nach Gutdünken, nach Belieben“. Für die Ernährung bedeutet dies, dass Futtermittel immer zur freien Aufnahme zur Verfügung stehen. Dieser Begriff wird schon seit langem in der Literatur verwendet und ist keine neumodische Erscheinung. Ein Kaninchen ad libitum zu füttern heißt, dem Tier immer Futter zur Verfügung zu stellen, unabhängig davon, um welches Futtermittel es sich handelt. Es kann ad libitum Getreide, ad libitum Heu, ad libitum Wiese etc. gefüttert werden.

Jedes Kaninchen sollte ad libitum ernährt werden, also immer Futter zur freien Verfügung haben. Welche Futtermittel verwendet werden, ist unterschiedlich und abhängig von Tieren und Halter.


Gemüse enthält deutlich mehr Zucker/Stärke als Heu

Von vermehrter Gemüsegabe wird teilweise aufgrund des hohen Gehaltes an Zucker bzw. Stärke abgeraten. Der Vergleich allerdings zeigt, dass in verschiedenen Gemüsesorten verschiedener Kategorien nicht mehr Zucker oder Stärke enthalten ist als in Kräutern, Gräsern oder auch Heu.

Gehalt an Zucker pro 100 g:

Zucker

in g

Stärke

in g

Rosmarin1 7,58 0,08
Beifuß1 4,95 0,05
Löwenzahn1 8,49 0,64
Sauerampfer1 1,70 0,30
Brennessel1 4,08 0,72
Pfefferminze1 5,25 0,05
Chicoree1 2,29 0,05
Blattspinat1 0,47 0,08
Kopfsalat1 1,05 0,01
Weißkohl1 4,08 0,08
Wirsing1 2,31 0,10
Karotte1 4,63 0.00
Knollensellerie1 1,80 0,45
Kohlrabi1 3,55 0,15
Rote Rübe1 8,38 0
Topinambur1 1,12 0
Gurke1 1,76 0
Paprika1 6,40 0
Kürbiss1 3,63 0,92
Wildgräser 12* 1***
Heu 10** 1***

1 = Nach BLS; *Durchschnittlich 12 - 15 % (nach Schlegel 1985), Gräser können je nach Art, Sonnenlicht, Temperatur und Feuchtigkeit bis 30% und mehr Zuckergehalt haben;**Kann aus vorhergehenden Gründen stark variieren, Angaben nach Dr. Meyer & Co (2007);***Angabe aus eingeschickten Untersuchungen von Haltern, Heu wird für Pferde mit Hufrehe nach bestimmten Kriterien (wenig Zucker/Stärke) ausgewählt. Werte können ebenfalls variieren; Wissenswertes zur Futtermittelanalyse


Wurzelgemüse enthält viel Energie

Von der vermehrten Gabe von Wurzel- und Knollengemüse wird abgeraten, da diese angeblich mehr Energie enthalten als andere Gemüsearten oder Kräuter. Der Vergleich zeigt allerdings, dass der Energiegehalt von Wurzel- und Knollengemüse wie Karotten oder Knollensellerie deutlich geringer ist als der von frischen Kräutern oder Wiese.

Durchschnittliche Werte an Energie/100 g Frischfutter:

Energie/100g

in kcal

Kräuter1 45
Blatt-/Kohlgemüse1 20
Wurzel-/Knollengemüse1 30
Fruchtgemüse1 25
Gras/Wiese2 55

1=Nach BLS, welche Sorten für die Durchschnittsberechnung verwendet wurden, kann hier eingesehen werden: Gemüse vs. frische Wiese - Ist Gemüse eine Alternative?; 2 = Schlolaut (2003); Wissenswertes zur Futtermittelanalyse


Kaninchen finden in freier Natur nur wenige Pflanzenarten, deshalb brauchen sie keine Abwechslung

Auf den ersten Blick wirken viele moderne Wiesen sehr eintönig, so dass viele Menschen der Ansicht sind, dass dort nur wenige Arten zu finden sind. Doch selbst in Parkanlagen lassen sich häufig verschiedenste Arten von Büschen, Bäumen, Kräutern und Gräsern finden.

Nach Naturama finden sich auf intensiv genutzten Raygraswiesen ca. 15 Arten pro 100 m², z.B. verschiedene Gräser, Wiesenkerbel, verschiedene Kleearten, Ampfer und Bärenklau. Auf intensiv genutzten Knaulgraswiesen kommen ca. 20 Arten pro 100 m² vor, darunter Nelken, Wiesenschaumkraut, kriechender Günsel, Löwenzahn, Labkraut, Klee, Hahnenfuß, Gundelrebe und Spitzwegerich. Auf weniger genutzten Wiesen, wie Fromentalwiesen finden sich 30-35 Arten pro 100 m². Auf extensiv bewirtschafteten Wiesen wie Trespen-Halbtrockenrasen sogar etwa 40 Arten pro 100 m². Das Beispiel zeigt, dass selbst auf intensiv genutzten 15-20 Arten pro 100 m² zu finden sind.

Je nach Angebot benötigt nach Brüll (1958) ein Kaninchenweibchen 100 m² bis 10.000 m² Äsungsfläche. Wilde Kaninchen können ihr Äsungsgebiet entsprechend ihres Bedarfs ausweiten, Hauskaninchen sind auf das angewiesen, was ihr Halter ihnen zur Verfügung stellt. Deckt das Nahrungsangebot den Bedarf der Wildkaninchen nicht mehr, wie es z.B. im Winter vorkommen kann, so können die Tiere gesundheitliche Schäden nehmen und im Extremfall sterben. Auch Hauskaninchen bei Hauskaninchen kann es zu gesundheitlichen Schäden kommen, wenn der Bedarf nicht ausreichend gedeckt wird.

Bei Gemüse sollte immer bedacht werden, dass deren Gehalt an wichtigen Nähr- und Wirkstoffen in der Regel geringer ist als der von Kräutern und Gräsern, wodurch ein höheres Angebot sowie weitere zusätzliche Futtermittel nötig sein können. Hauptartikel: Gemüse vs. frische Wiese - Ist Gemüse eine Alternative?



Quellen

Allgöwer, R.; Wildkaninchen, Oryctolagus Cuniculus (Linnaeus, 1758); in: Braun, M. & Dieterlen, F. (Hrsg.); 2005; Die Säugetiere Baden-Württembergs; Band 2; Verlag Eugen Ulmer Stuttgart; ISBN 3-8001-4246-5

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Boback, Alfred W.; Das Wildkaninchen: (Oryctolagus cuniculus (Linné, 1758); 2., unveränd. Aufl.; Nachdr. der 1. Aufl., Wittenberg Lutherstadt, Ziemsen, 1970; Hohenwarsleben; Westarp-Wiss.-Verl.-Ges.; 2004; (Die neue Brehm-Bücherei; 415); ISBN 3-89432-791-X

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