Kapitel
Allgemeines
Geschichte
Das Virus
Infektionsrhythmus
Erkrankung
Impfung und Schutzmaßnahmen
Allgemeines
Myxomatose ist eine Viruserkrankung. Das erste Mal wurde die Krankheit 1898 in Uruguay beschrieben (Bertagnoli et al. 2006). Inzwischen sind ca. 400-500 Myxomatosestämme mit unterschiedlicher Virulenz bekannt.
In Nord- und Südamerika leben zwei Kaninchenarten, welche die natürliche Wirte der Myxomatose sind. Das Tapeti (Sylvilagus brasiliensis) in Süd- und das Brush Rabbit (Sylvilagus bachmani) in Nordamerika (Bertagnoli et al. 2006). Der Myxomatosetyp der Kaninchen aus Nordamerika ist pathogener für die europäischen Kaninchen als jener den Kaninchen aus Südamerika tragen. (Fenner 1994).
Geschichte
Das Virus
1886: Prof. G. Sanarelli entdeckt Myxomatosesymptome bei eingeführten europäischen Wildkaninchen im Hygiene-Institut in Montevideo. Seine Laborkaninchen erkrankten ebenfalls daran. Es bildeten sich zahlreiche Ödeme in der Haut und es traten Augenentzündungen auf. Er zeichnete die Symptome auf und erkannte, dass die Erkrankung infektiöser Natur und der Erreger der Seuche außerhalb des Sichtbaren liegen müsse.
April 1898: Er berichtete auf dem IX. Internationalen Kongress für Hygiene und Demographie in Madrid über seine Aufzeichnungen
01. Juni 1898: Seine wissenschaftliche Forschungsarbeit erschien in dem Zentralblatt für Bakteriologie, Parasitenkunde und Infektionskrankheiten unter dem Titel: Das myxomatogene Virus - Beitrag zum Studium der Krankheitserreger außerhalb des Sichtbaren. Dort hatte Prof. Sanarelli die virale Ursache für die Myxomatose analysiert. Die Virusnatur des Erregers wurde in die folgenden Jahren mehrfach bestätigt.
1909: Es treten Fälle von Myxomatose bei Kaninchen auf, die aus Brasilien importiert wurden. Auch an verschiedenen Orten in Brasilien kam es zu Erkrankungen. Es wurde entdeckt, dass das südamerikanische Kaninchen (Sylvilagus brasiliensis) wesentlich resistenter gegen der Virus ist.
1927: Das Virus wird als Pockenvirus identifiziert
1928 - 1930: Einzelne Ausbrüche von Myxomatose in Kalifornien
1937 - 1943: Ein groß angelegter Versuch bestätigt die Übertragung der Krankheit durch blutsaugende Insekten
Einsatz in Australien
1858: Erstmals werden Kaninchen in Australien eingeführt und verbreiten sich, da es kaum natürliche Feinde gibt, rasend schnell über den Kontinent. Die Überpopulation gefährdet schon bald die einheimische Flora und Fauna.
1927: Erstmals wird in Erwägung gezogen, den Myxomatosevirus gegen die australischen Kaninchen einzusetzen, um ihre Anzahl zu minimieren.
1942 - 1943: Der Plan wird in die Tat umgesetzt und scheitert
1950: Ein weiterer Versuch sollte erfolgen, die Kaninchenpopulation mit Hilfe von Myxomatoseviren einzudämmen.
1952 - 1955: Mit einem hochgradig ansteckenden Virus wird dieser zweiter Versuch gestartet. Dieser drohte erst ebenfalls zu scheitern, dann aber Aufgrund einer Umstellung der Großwetterlage nahezu vernichtend wirkte. In einzelnen Gebieten starben bis zu 99,8 % der Kaninchen.
Einschleppung nach Europa
1952: Der französische Prof. Dr. Paul Amand-Delille versucht mit Hilfe der Myxomatoseviren der Überpopulation von Wildkaninchen auf seinem eingezäunten Landsitz Herr zu werden. Der Erfolg führte dazu, dass Nachbarn infizierte Tiere einfingen um sie bei sich wieder freizulassen. Innerhalb von 2 Jahren breitete sich der Virus über ganz Europa aus.
1953: Erster Myxomatosefall im rechtsrheinisch im Mannheimer Stadtpark, weitere Myxomatosefälle in Belgien, Niederlande, Luxemburg, Spanien und England
Sommer 1953: Erste Meldungen über Seuchenausbruch bei Feldhasen
1954: Erster Fall in der ehemaligen DDR in Leipzig. Erste Fälle von Feldhasenerkrankungen in Deutschland.
1954/1955: Fast in allen englischen Grafschaften und in 28. Grafschaften Schottlands verbreitet
1954: Erste Fälle in der Schweiz
1955: Myxomatoseerkrankungen in Tschechien, und Österreich
1956: Ausbrüche in Polen, jedoch mit deutlich geringerer Ausbreitungstendenz
1960: Dänemark
1961: Schweden
1962: Auf der Insel Gotland (Schweden)
Das Virus
Die Myxomatose beim Hauskaninchen wird durch das Leporipoxvirus myxomatosis oder Myxomatosevirus (Pockenvirus) hervorgerufen. Das Virus befällt fast ausschließlich Haus- und Wildkaninchen, seltener auch Feldhasen. Menschen und andere Säugetiere sind nicht gefährdet.
Das Myxomatosevirus setzt die spezifischen Abwehrmechanismen des Wirtes mithilfe viruseigenerVirulenzfaktoren herab (Macen et al. 1993).
Die Inkubationszeit beträgt etwas 4 - 10 Tage (Ewringmann 2005).
Das Virus widersteht Kälte und stirbt erst bei einer Hitze über 60°C ab. Auch Chemikalien gegenüber ist es relativ resistent.
Die Ansteckung erfolgt z.B. durch kontaminiertes Grünfutter, Insekten oder direkten Kontakt zu infizierten Tieren (Schröder 1995, Ewringmann 2005). Dadurch kann auch der Mensch zum Überträger werden.
Mücken, wie die Culex- und Anophelesarten legen Strecken von mehr als zehn Kilometern zurück (Fenner und Ross, 1994). Die Viren können auch im Winter einige Monate an den Mundwerkzeugen überwinternder Mückenspezies infektiös bleiben (Andrewes et al. 1956).
Infektionsrhythmus
Bei Kaninchen in freier Wildbahn tritt die Myxomatose in regelmäßigen Intervallen auf. Diese Intervalle belaufen sich dabei auf ca. 3 - 4 Kaninchengenerationen, also ca. 7 - 10 Jahre. Bei der ersten Generation sterben bis zu 90 % aller Kaninchen. Bei der zweiten Generation ist die Myxomatose bereits abgeschwächt, etwa die Hälfte der Tiere überlebt. Die dritte Generation überlebt die Infektion fast komplett. Ab der vierten Generation stirbt wieder ein Großteil der Kaninchen.
Erkrankung
Die Mortalitätsrate beträgt je nach Virusstamm 20-100 % (Bertagnoli et al. 2006, Ewringmann 2005). Es können verschiedene Verlaufsformen beobachtet werden.
- Akuter Verlauf: Nach einer Inkubationszeit von 3 bis 9 Tagen treten die ersten Symptome auf. Zuerst Schwellungen und Entzündungen im Bereich der Augenlider, später dann an Mund, den Ohren, der Lippen und des Genitalbereiches. Der Kopf wird unförmig. Schließlich kann es zu Ödemen am ganzen Körper und Fieber kommen. Anfangs fressen die Tiere meist noch sehr gut. Nach circa 10-14 Tagen endet die Krankheit aber meistens mit dem Tod.
- Perakuter Verlauf: Die Anzeichen sind weniger ausgeprägt. Meistens tritt nur eine Anschwellung im Augenbereich auf. Oft verwechselt mit einer Bindehautentzündung. Die Tiere sterben oft nach wenigen Tagen.
- Chronischer Verlauf: Es treten vermehrt Pocken am ganzen Körper (vor allem Kopf und Läufe) auf. Eine Heilung ist in Einzelfällen möglich. In manchen Fällen erholt sich das Kaninchen wieder, trägt die Seuche jedoch weiterhin in sich.
Myxomatose ist in Deutschland weder anzeige- noch meldepflichtig.
Neben der Erkrankung bedingt durch den Virus selbst kommt es durch das geschwächte Immunsystem leicht zu sekundären Infektionen. Vor allem de Respirationstrakt ist betroffen (Best und Kerr 2000). Pasteurella multocida ist der häufigste aus der Lunge isolierte Keim (Marlier et al. 2000).
Überlebende Tiere entwickeln einen über ein Jahr andauernden Immunschutz (Rutz 2003).
Impfung und Schutzmaßnahmen
Impfung
In Deutschland und Österreich ist eine Impfung möglich, in der Schweiz ist kein Impfstoff zugelassen. Impfungen bieten keinen 100% Schutz vor einer Erkrankung. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein geimpftes Tier überlebt, um ein vielfaches höher als bei einem ungeimpften Tier.
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Weitere Schutzmaßnahmen
- Schutz vor Insekten (Z.B. Fliegengitter, Klebestreifen)
- Einhaltung von Quarantänezeiten neuer Tiere
- Vermeidung von Grünfutter aus gefährdeten Gebieten (infizierte Wildkaninchen)
- Hygiene im Stall, um Fliegen fernzuhalten
- Regelmäßiger Gesundheitscheck
- Ein Kontakt zwischen Wild- und Hauskaninchen sollte vermieden werden
- Eine vernünftige Haltung, Versorgung und Ernährung sorgen für ein gesundes Immunsystem und für bestmöglichen Schutz vor Erkrankungen!
Quellen
Andrewes, C.H.; Muirhead-Thomson, R.C.; Stevenson, J.P. (1956): Laboratory studies of Anopheles atroparvus in relation to myxomatosis. Journal of Hygiene 54, 478 486
Best, S.M.; Kerr, P.J. (2000): Coevolution of Host and Virus: The Pathogenesis of Virulent and Attenuated Strains of Myxoma Virus in Resistant and Susceptible European Rabbits. Virology 267, 36-48
Bertagnoli S., Frédérique M., Didier M.: Myxomatosis. In: Recent advances in rabbit sience 2006, S.139 - S. 145
Ewringmann, A.; Leitsymptome beim Kaninchen: diagnostischer Leitfaden und Therapie; Stuttgart, Enke, 2005; 284 S; (Konkret-Kleintier-Praxisbuch); ISBN 3-8304-1020-4
Fenner F., 1994. Myxoma virus. In : Virus infections of Vertebrates, Vol. 5. Virus Infections of Rodents and Lagomorpha. A.D.M.E. Osterhaus (Ed.), Elservier Science B.V., Amsterdam, 59-71.
Fenner, F.; Ross, J. (1994): „Myxomatosis“ in „The European rabbit, The history and biology of a successful colonizer.“ edited by Harry V. Thompson and Carolyn m. King, Oxford Science Publications
Holubek, R.: Untersuchungen zum Impfstoffeinsatz gegen Myxomatose und RHD - Immunisierung beim Kaninchen, Teil 2 -; Deutscher Kleintierzüchter -Kaninchen-Nr. 6/1999, Verlag Oertel und Spörer, Reutlingen
Holubek, R.: Myxomatose - Rückblick und aktuelle Situation - Teil 1; Deutscher Kleintierzüchter - Kaninchen - Nr. 8/2000; Verlag Oertel und Spörer, Reutlingen
Macen, J.L.; Upton, C.; Nation, N.; McFadden, G. (1993): Serp 1, a serine proteinase inhibitor encoded by myxoma virus, is a secreted glycoprotein that interferes with inflammation. Virology 195, 348-363
Marlier, D.; Vindevogel, H. (1996): La myxomatose amyxomateuse: isolement de trois souches en Belgique. Annales de Médecine Vétérinaire 140, 343-346
Rutz C. (2003): Die Myxomatose des Kaninchens: Serologische und molekularbiologische Nachweisverfahren. Epidemiologische Situation in der Schweiz, Veterinärmedizinische Fakultät, Institut für Veterinärbakteriologie, Abteilung Geflügel- und Kaninchenkrankheiten
Schröder, H.-D. (1995): Erregerbedingte Erkrankungen. In: Ippen, R., Nickel, S. & H.-D. Schröder (Hrsg.): Krankheiten des jagdbaren Wildes. 3. Aufl., Deutscher Landwirtschaftsverlag, Berlin, 73105.