Die Zähne von Kaninchen wachsen ein Leben lang. Im Unterkiefer etwa 1,1 - 1,8 mm in der Woche, im Oberkiefer 1,3 - 1,7 mm pro Woche. (Wolf und Kampuhes 1999). Daher müssen sie abgenutzt werden. Dies geschieht beim Kauvorgang durch das gegeneinander schleifen der gegenüberliegenden Zähne und wird verstärkt durch verschiedene in Pflanzen enthaltene Stoffe wie Kieselsäure, die wie Schmirgelpapier wirken.
Der Abrieb wird dabei nicht durch die "Härte" des Futters beeinflusst.
"Bei den Kaninchen zeigt die allgemein vergleichbare Entwicklung der Zahnlängen unabhängig von Fütterungseinflüssen, dass die unteren Scheidezähne gegenüber den oberen Schneidezähnen schneller wachsen. Der Abrieb der Schneidezähne im Oberkiefer wird maßgeblich durch das Wachstum des Antagonisten im Unterkiefer bestimmt. Hohe Abnutzungswerte sind dabei nach ausschließlicher Fütterung von "weichem" Futter zu beobachten, das heißt, dass die "Härte" des Futters nicht die Bedeutung beim Zahnwachstum zukommt, die man ihr oft beimisst."
Quelle: Wolf, P., und J.Kamphues (1996): Untersuchung zu Fütterungseinflüssen auf die Entwicklung der Incisivi bei Kaninchen, Chinchilla und Ratte. Kleintierpraxis 41, 723-732
Wird nicht ausreichend gekaut, sind Zahnfehlstellungen vorhanden, kann es zu unregelmäßiger Abnutzung der Zähne kommen. Entstehende Spitzen können die Mundschleimhaut verletzten und überlange Zähne die Nahrungsaufnahme behindern.
Insbesondere die Nagezähne werden durch das Kaninchen selbst durch mahlende Bewegungen der Zähne gegeneinander in Ruhepausen selbst abgeschliffen und Unebenheiten ausgeglichen. Sind die Schneidezähne betroffen und erfolgt keine Abnutzung, können diese einen Meter im Jahr ungehemmt wachsen.
Fehlstellungen können sowohl bei den Vorder- als auch den Backenzähnen auftreten. Beides kann auch im Zusammenhang vorkommen. Auch die Wurzeln der Zähne können betroffen sein. Verlängertes Wurzelwachstum kann im Unterkiefer den Unterkieferknochen und im Oberkiefer Jochbein und Augenhöhlenboden betreffen. Sichtbare Folgen können Schwellungen, Augentränen, Nickhautvorfall und Bindehautentzündungen sein.
Weitere Informationen über Zähne und Kiefer: Ernährung - Zähne und Gebiss
Häufigkeit von Zahnfehlstellungen
Wildkaninchen
- Nachtsheim (1936): 1,12 %
Rassekaninchen
- Nachtsheim 1936: 10,89 %
- Möller (1984): 13,8 %
- Westerhof und Lumeij (1987): 16,05 %
- Böhmer und Köstlin (1988): 20,1 %
- Turner (1997): 11,6 %
- Fehr (1999a): 25,1 %
Entstehung von Zahnfehlstellungen
Häufig werden Zahnfehlstellungen als genetisch bedingt angesehen. Vor allem Zwergkaninchen sollen betroffen sein, da ihre Zähne keinen Platz im Kiefer hätten. Allerdings kreuzte bereits Stengel (1958) Deutsche Riesen mit Hermelinkaninchen. Anhand von Kiefer- und Zahnmessungen zeigte er, dass Zahn und Kiefer immer in Relation zueinander, nicht aber getrennt vererbt werden. Es traten bei seinen Extremkreuzungen keine Zahnanomalien auf. Allerdings hatten die kleineren Kaninchen im Verhältnis zum Kiefer deutlich größere Zähne als Kaninchen großer Rassen. Stengel leitete daraus eine gewisse Disposition für Zahn- und Kiefererkrankungen ab.
Gebissveränderungen Aufgrund Verkürzungen/Verlängerungen des Ober- oder Unterkiefers sind erblich, wobei Kreuzungsversuche einen autosomal-rezessiven Erbgang belegen. Die Anomalie ist bei den Jungtieren frühestens ab der dritten bis fünften Lebenswoche zu diagnostizieren. (Kalinowski und Rudolph, 1974; Huang et al., 1981).
Häufig Schuld an Zahnanomalien ist eine mangelhafte Ernährung. Insbesondere Unterversorgung mit Mineralien führen zu einer mangelhaften Verankerung der Zähne im Kiefer , wodurch diese sich drehen können, nicht mehr aufeinander passen und es so zu einer ungleichmäßigen Abnutzung kommt. Im schlimmste Fall brechen die Zahnwurzeln durch das dünne Periost, was zu Kieferabszessen führen kann (Harcourt-Brown, 1996, 1997a + b).
Ein Mangel an Vitamin D, bedingt durch reine Wohnungs- oder Stallhaltung kann ebenfalls Kieferabszesse fördern. Vitamin D spielt eine wichtige Rolle bei der Regulierung des Calcium-Spiegels im Blut und beim Knochenaufbau, ein Vitamin D-Mangel bedingt ebenso wie ein Mangel an Mineralien eine mangelhafte Verankerung der Zähne und eine höhere Anfälligkeit für Entzündungen.
Auch kommt es durch Nährstoffmangel zu unregelmäßig aufgebauten Zähnen. Der schwankende Härtegrad innerhalb eines Zahnes kann zu Spitzenbildung führen.
Eine Fehlstellung kann zudem traumatisch bedingt sein. Insbesondere bei den Vorderzähnen kann es zu Verschiebungen durch Gewalteinwirkungen kommen.
Hinweise auf mögliche Zahnfehlstellung
Die Symptome bei Zahnproblemen können vielfältig sein. Durch die Veränderung der Nahrungsaufnahme kann es zu Problemen innerhalb des gesamten Magen-Darm-Traktes kommen.
Ein Röntgenbild des Kopfes ist sinnvoll, da Richtung Nasenkanal oder Augen wachsende Zähne nicht durch einfaches nachschauen der Zähne erkannt werden.
Symptome bei Zahnproblemen können sein:
- Nahrungsverweigerung oder verändertes Fressverhalten
- Gewichtsabnahme
- Vermehrter Speichelfluss, Sabbern
- Kaninchen putzt sich nicht richtig, sieht verwahrlost aus
- Zähneknirschen
- Durchfall
- Schwellungen, Asymmetrie des Kopfes
- Herausstehen eines Auges aus der Augenhöhle
- Tränende Augen, Ausfluss aus Nase
Behandlung von Zahnproblemen
Wichtig ist eine angepasste Ernährung. Eine ausreichende Nährstoffversorgung muss gewährleistet sein. Ebenso muss ausreichend strukturierte und lang zu kauende Kost gereicht werden, um eine ausreichenden Zahnabrieb zu gewährleisten. Informationen zur Ernährung folgen weiter unten.
Zusätzlich muss dafür gesorgt werden, dass das Kaninchen ausreichend mit Vitamin D versorgt wird. Regelmäßige Möglichkeiten zum Sonnenbad und unterstützend eine entsprechende Ernährung sind notwendig.
Das Kürzen von Schneidezähnen sollte nicht mit einer Zange, sondern mit einem Fissurenbohrer oder auch einer Diamantrennscheibe erfolgen (Gorrel 1996 und 1997). Insbesondere bei mangelernährten Kaninchen kann es bei einer Verwendung einer Zange zu Problem kommen, da die Zähne und der Knochen keine ausreichende Stabilität aufweisen. Vorsichtshalber empfiehlt sich daher eine Kürzung der Zähne mit anderen Hilfsmitteln.
Mithilfe von Zahnschneidezange können Haken und Spitzen der Backenzähne entfernt werden. Diese sollte nur durch einen erfahrenen und ausgebildeten Tierarzt erfolgen. Allerdings empfiehlt sich auch bei den Backenzähnen ein Abschleifen derselbigen. So werden auch kleine Spitzen, welche sonst übersehen werden können, entfernt.
| Nachteile einer Anwendung von Zangen bei Schneidezähnen |
- Extrem schmerzhaften Kraftübertragung auf die sensiblen Zahnstrukturen
- Keine winkelgerechte Korrektur möglich
- Mögliches Splittern der Zähne, da diese eine Längsstruktur aufweisen. Die Aufsplitterung kann sich bis ins Zahnfleisch ziehen und hier Verletzungen verursachen, Abszessbildung möglich
|
In den seltensten Fällen ist es möglich, entstandene feine Risse zu erkennen. Diese entstehen häufig an der inneren Seite der Zähne und Zahntaschen.
Bei der Zahnkorrektur empfiehlt es sich insbesondere bei ängstlicheren und stressempfindlichen Tieren die Kaninchen zu sedieren. Dies ermöglicht eine genaue Kontrolle der Zähne, reduziert den Stress und mindert die Gefahr lebensgefährlicher Verletzungen. Auch ist ein Röntgen des Kopfes dabei einfacher und mit geringerem Risiko für Mensch und Tier möglich. Daher wird häufig bei jedem Kaninchen zu einer Narkose während der Korrektur geraten.
Der Nachteil einer Sedierung ist das Narkoserisiko, dem das Tier dabei ausgesetzt wird.
Entfernung der Schneidezähne
Bei besonders schwerwiegenden Fehlstellungen besteht die Möglichkeit, die Schneidezähne zu entfernen und so den Kaninchen den ständigen Stress und die Belastung durch das Kürzen der Zähne zu ersparen. Anschließend kann es nötig sein, bestimmte Futtermittel in mundgerechten Stücken anzubieten. Futter kann entweder geraspelt oder besser in Streifenform gebracht angeboten werden.
Schwierigkeiten geben kann es bei der selektiven Aufnahme bestimmter Futtermittel wie Rinden, Knospen oder bestimmter hartstängeligen Kräutern.
Erfahrungen zeigen, dass insbesondere die Fressgeschwindigkeit der Kaninchen beeinträchtigt wird. Dies sollte bei der Fütterung und Anwesenheit gesunder Kaninchen bedacht werden.
Ob eine Entfernung der Zähne sinnvoll ist, muss individuell entschieden werden. Es sollten jedoch stets alle Incisivi gezogen werden (Crossley 2000).
Abszesse durch Zahnprobleme
Durch die Lockerung einzelner Zähne insbesondere der Backenzähne kann es zur Auftreibung der distalen Unterkieferäste kommen. In die geweiteten Zahnfächer können Bakterien eindringen, wodurch es zu schweren Entzündungen und Bildung von Kieferabszessen kommen kann.
Da bei Abszessen häufig eine Unterversorgung, insbesondere mit Mineralstoffen auftreten, ist es äußert wichtig, die Ernährung entsprechend anzupassen (siehe unten).
Ernährung bei Zahnproblemen
Auch Kaninchen mit Zahnfehlstellungen können mit Frischfutter ernährt werden. Den effektivsten Abrieb der Zähne erhält man durch frische Gräser und Kräuter. Diese werden ausreichend gekaut, mehr aufgenommen als z.B. Heu und enthalten mehr schmirgelnde Stoffe als Heu. Ideal ist es daher, frische Wiese ad libitum anzubieten.
Es ist äußert wichtig, dass ein Kaninchen ausreichend mit Nährstoffen versorgt wird. Eine Reduktion von kalziumreicher Kost kann Zahnfehlstellungen verursachen. Daher sollte auf ausreichende Abwechslung und Vielfalt an frischen Futter, insbesondere Grünfutter geachtet werden.
Um Blähungen vorzubeugen, können Fenchel samt grün und Kümmelsamen (bzw Kreuzkümmelsamen) angeboten werden.
Wichtig ist eine kalziumreiche und kieselsäurehaltige Kost. Als sehr reich an Kieselsäure gelten:
- Ackerschachtelhalm
- Brennnessel
- Wegeriche
- Hohlzahn
- viele Knöteriche (insbesondere Vogelknöterich)
- Lungenkraut
- An Saaten hat besonders Hirse in der Schale einen hohen Kieselsäuregehalt
Ackerschachtelhalm verursacht einen besonders gleichmäßigen und starken Abrieb der Backenzähne. Zu verwechseln ist er aber mit dem Sumpfschachtelhalm (Unterschied Acker/Sumpfschachtelhalm (Externer Link)). Daher ist Vorsicht geboten. Ackerschachtelhalm kann man auch als Zinnkraut kaufen. Schachtelhalme enthalten ein Enzym, welches Thiamin (Vitamin B1) spaltet. Es kann daher bei dauerhafter Fütterung in großen Mengen zu einem Mangel an Vitamin B1 führen, wodurch es zu neurologischen Ausfällen kommen kann.
Sonnengetrocknete Pflanzen können zusätzlich als Vitamin D-Quelle angeboten werden.
Ernährung insbesondere bei Abszessen - Versorgung mit ausreichend Mineralstoffen
Zur Kaliumversorgung ist frische Petersilie, zur Zinkversorgung kann ein Teelöffel Sesam pro kg Kaninchen angeboten werden.
Positiven Einfluss auf Abszesse können auch mit frischen Baumästen erzielt werden. Sie liefern wichtige Nähr- und Wirkstoffe. Geeignet sind:
- Birke
- Weiden
- Schwarzerle
- Linde
- geeignete Nadelbäume
Auch Laub von geeigneten Bäumen kann in größeren Mengen angeboten werden. Bei Heu ist ganz besonders auf eine hohe Qualität, wenig Hochleistungsgräser und ein hoher Kräuteranteil zu achten.
Getrocknetes Gemüse sollte nicht gefüttert werden, ebenso sollte auf pelletierte Futtermittel und ähnliches Fertigfutter verzichtet werden. Dadurch können Abszesse gefördert werden.
Quellen
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Fehr, M. (1999a): Diagnosen und Gründe für die Vorstellung von Heimtieren in der tierärztlichen Praxis, In: Kamphues, J., Wolf, P., Fehr, M. (Hrsg.), Praxisrelevante Fragen zur Ernährung kleiner Heimtiere (kleine Nager, Frettchen, Reptilien), Beiträge einer Fortbildungsveranstaltung des Instituts für Tierernährung und der Klinik für kleine Haustiere der Tierärztlichen Hochschule Hannover, 02.10.1999, 1-3
Gorrel, C. (1996): Teeth trimming in rabbits and rodents Vet. Rec. 139 (21), 528
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Kalinowski, T., Rudolph, W. (1974): Zur Vererbung der Oberkieferverkürzung (Brachygnathia superior) beim Hauskaninchen Wiss. Z. Univ. Rostock (Math.-Nat. Reihe) 23 (1-2), 131-135
Kamphues et al. 2004: Kamphues, J.; Coenen, M.; Kienzle, E.; Pallauf, J.; Simon, O.; Zentek, J. unter Mitarbeit von: Iben, C.; Kölle, P.; Männer, K.; Vervuert, I.; Wolf, P.; Supplemente zu Vorlesungen und Übungen in der Tierernährung; begründet von Meyer, H.; Verlag M. & H. Schaper; Alfeld-Hannover; 10., vollst. überarb. u. erg. Aufl.; 2004; ISBN 3-7944-0205-7
Nachtsheim, H. (1936): Erbliche Zahnanomalien beim Kaninchen Züchtungskd. 11, 273-287
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Westerhof, I., Lumeij, J.T. (1987): Dental problems in rabbits, guinea pigs and chinchillas, Tijdschr. Diergeneeskd. 112 (Suppl. I), 65-105
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