Für den Halter bedeutet eine Zucht einen großen Zeit- und Kostenaufwand, ein umfangreiches Fachwissen über Genetik und Haltung, Verwendungsmöglichkeiten für den Nachwuchs und die Auswahl passender Tiere.
Viele Kaninchen und die meisten Halter eignen sich nicht, um eine Zucht aufzubauen. Da Kaninchen soziale Tiere sind und Artgenossen ein wichtiger Aspekt der tiergerechten Haltung sind, ist eine Kastration daher oft unumgänglich. Unkastrierte männliche Tiere sollten in der Regel nicht gemeinsam gehalten werden. Über die Haltung von kastrierten Weibchen und unkastrierten männlichen Tieren liegen nur wenige Erfahrungsberichte vor. Bislang lässt sich keine Aussage darüber treffen, ob diese Konstellation empfehlenswert ist. Daher sollten Rammler, die nicht zur Zucht eingesetzt werden, kastriert werden.
Unter natürlichen Bedingungen sind Rammler nicht das ganze Jahr über in Paarungsstimmung. Ihr Hodengewicht und damit ihre Fortpflanzungsfähigkeit variiert stark. In der neutralen Zeit sind die Hoden zurückgebildet, die Rammler untereinander sehr friedlich. Im Januar (ausgehend von diesen Breiten) beginnt die Paarungszeit, die Hoden schwellen an, die Rammler werden untereinander aggressiver (Boback 1970). Die Zurückbildung der Hoden lässt sich nicht unbedingt mit einer Kastration gleichsetzten, aber ganz unnatürlich ist es nicht, dass Rammler nicht ständig Fortpflanzungsbereit sind.
Immer häufiger werden auch weibliche Kaninchen kastriert, unter anderem auch als Prophylaxe gegen Gebärmutterkrebs. Gebärmutterkrebs gilt als eine der häufigsten Krebsarten bei Kaninchen (Manning et al. 1994).
Green (1958) beobachtete 8 - 10 Jahre lang eine Kaninchenkolonie. Nach ihrem Tod wurden die Tiere seziert, wobei 16.7 % der 849 Kaninchen Gebärmutterkrebs hatten. Das durchschnittliche Alter der Kaninchen war höher als 4 Jahre. Bei Kaninchen die zwischen dem 2. und 3. Lebensjahr starben, lag die Krebsrate bei 4.2 %. Bei Kaninchen zwischen 5-6 Jahren lag sie bei 79.1 %. Nach Green (1958) starben die Kaninchen eines natürlichen Todes, der Krebs muss nicht die Todesursache gewesen sein.
Vermutet wird, dass die Vererbung für die Anfälligkeit für Gebärmutterkrebs eine Rolle spielt. Andere untersuchte Kaninchengruppen hatten unter 50 % Krebserkrankungen (Manning et al 1994).
Temperatur und Lichteinfluss spielen eine wichtige Rolle bezüglich des Sexualverhaltens von Kaninchen (Schlolaut 2004). Beobachtungen von Haltern bestätigen, dass Weibchen in Innenhaltung, welche extreme Hitze zeigten und ausquartiert wurden, daraufhin wesentlich ruhiger und ausgeglichener verhalten haben. Weibchen, vor allem solche, die unter ihren Hormonen zu leiden haben, sollten daher in Außenhaltung gehalten werden.
Auch die Ernährung spielt eine wichtige Rolle bezüglich der Krebsentstehung. Ein Mangel an wichtigen Nährstoffen bedingt eine erhöhte Anfälligkeit von Krebs. So kann bei Proteinmangel die Immunfunktion nicht ausreichend aufrecht erhalten werden (Daly 1990), welche unter anderem auch für Vernichtung entarteter Zellen zuständig ist. Bestimmte Nähr- und Wirkstoffe haben zudem antikanzerogen Wirkungen, auch auf die Gebärmutter (Chandra 1992).
Eine vernünftige Haltung und Ernährung senkt so das Risiko, an Gebärmutterkrebs zu erkranken. Während die Prognose auch bei älteren Tieren Uterustumor sehr gut sind, sofern es noch nicht zu Metastasierung gekommen ist (Ewringmann 2005), sieht es bei anderen Erkrankungen, die Möglicherweise durch eine Kastration gefördert werden, weniger gut aus. Daher bleibt die Frage offen, ob eine vorsorgliche Kastration bei weiblichen Tieren in dieser Hinsicht wirklich sinnvoll ist.
Empfehlenswert ist eine Kastration dann, wenn die medizinische Notwendigkeit vorliegt oder das Tier unter seinem eigenen Sexualverhalten leidet, mit einer Optimierung der Haltung aber keine Verbesserung zu erzielen ist.
Frühkastration
Eine Frühkastration ist eine Kastration vor der Geschlechtsreife. Der Vorteil der Frühkastration ist, dass keine Kastrationsquarantäne abgesessen werden muss, die Rammler also nicht von Geschwistern und Elterntieren getrennt werden müssen. Auch bei reinen Rammlerkonstellationen wird die Frühkastration empfohlen, da Frühkastraten als verträglicher gelten.
Die Geschlechtsreife ist die Entwicklung vom Jungtier zum Erwachsenen. Die Geschlechtshormone, hauptsächlich gebildet in den Keimdrüsen, nehmen einen wesentlichen Einfluss. Die Pubertät bringt sowohl körperliche als auch psychische Veränderungen.
Eine Kastration vor der Geschlechtsreife behindert diese Entwicklung. Dies kann irreparable, schwerwiegende Folgen für den gesamten Organismus selbst und das Tier innerhalb seiner Gesellschaft haben kann. Dokumentiert sind Unterschiede zwischen Tieren die vor und solche die nach der Geschlechtsreife kastriert wurden bei einigen Tierarten. Beobachtet werden vor allem eine Störung der Persönlichkeitsentwicklung. Frühkastrierte Tiere gelten als "verspielter", "kindlicher" und weniger aggressiv. Da bei reinen Rammlerkonstellationen Frühkastraten verträglicher sind, scheint dies auch auf Kaninchen zuzutreffen. Für den Halter mag das bei erster Betrachtung positiv sein, aber für das Tier innerhalb seiner Gesellschaft unangenehme Auswirkungen haben.
In verschiedenen Foren suchen immer wieder Kaninchenbesitzer Rat, deren Pärchen untereinander Probleme haben, da das weibliche Tier den Kastrat stark bedrängt. Ein Großteil dieser Rammler wurde frühkastriert. Zusammenhänge wären möglich, wenn sich die Frühkastraten nicht entsprechend reagieren können. Das mögliche Ausmaß einer solchen Störung ist für den Menschen kaum zu erkennen.
Mit Beginn der Geschlechtsreife wandern einige Kaninchen aus ihren Gruppen ab oder werden aktiv vertrieben. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Kaninchen auch längere Zeit ohne Gruppe sind. Werden die Rammler also kurz vor der Geschlechtsreife von den anderen Tieren getrennt, ist keine Störung der Verhaltensentwicklung zu befürchten. Ideal ist es, wenn die männlichen Geschwister möglichst lange zusammen bleiben oder bei ausgewachsenen Rammler bleiben können.
Sofern Rammler und Weibchen rechtzeitig getrennt werden, die Tiere vernünftig gehalten wurden und werden und der Halter auf seine Tiere eingehen kann sind die Risiken auf Folgeschäden bei einer Spätkastration minimal bis gar nicht vorhanden. Vergleichsweise sehr hoch sind die möglichen Risiken einer Frühkastration.
Wann der richtige Zeitpunkt für eine Kastration ist hängt von dem Charakter des Tieres und den gegebenen Umständen ab. So sollten z.B. ängstliche und zurückhaltende Rammler später kastriert werden als "Draufgänger". Bei Rammler, die aus wenig idealen Verhältnissen stammen und schon sehr früh von Geschwistern und der Mutter getrennt wurden und bei später Kastration noch mehrere Monate alleine sitzen müssten kann auch eine Frühkastration sinnvoll sein.
Eine Frühkastration ist nicht nötig, um reine Rammlergruppen zu halten und es ist zu empfehlen, wenn vernünftige Alternativen bestehen, eine Frühkastration zu umgehen.
Insgesamt sollte der Zeitpunkt der Kastration individuell entsprechend der Möglichkeiten, Alternativen und dem einzelnen Kaninchen entschieden werden.