Nahrungswahl


Jedes Lebewesen in freier Natur benötigt Nährstoffe, um zu überleben. Um den Bedarf an Nährstoffe zu decken, haben Organismen unterschiedliche Strategien entwickelt.

Kaninchen als Tiere sind heterotroph, sie beziehen Kohlenstoff aus bereits synthetisierten organischen Verbindungen. Nährstoffe werden nicht selbst hergestellt, sondern mit der Nahrung aufgenommen.


Dem Kaninchen stehen insbesondere im Frühjahr und Sommer eine Vielzahl an unterschiedlichen Pflanzen zur Verfügung, aus denen es wählen kann. Nicht alle dieser Pflanzen liefern nur wichtige Stoffe, einige können schädlich und sogar tödlich sein. Bei seiner Futtersuche muss ein Kaninchen seine Futterpflanzen so wählen, dass der Nährstoffbedarf ausreichend gedeckt wird und Vergiftungen mit schädlichen Substanzen vermieden werden.

Futtermittel lassen sich nicht klar in giftig oder ungiftig unterteilen. Jede Substanz kann ab einer gewissen Menge gefährlich werden. In geringen Mengen können sie gleichsam lebenswichtig und/oder gesundheitsfördernd sein.


Die Fähigkeit zur Wahl der richtigen Futterpflanzen sind teilweise angeboren, größtenteils jedoch erlernt. Bereits in der pränatalen Zeit erworbene Geschmackspräferenzen werden dabei später durch eigene Erfahrungen verfeinert. So werden Futtercharakteristika wie Geruch, Geschmack, Textur mit der physiologischen Wirkung verknüpft und stabile, lang anhaltende und sinnvolle Nahrungsgewohnheiten gebildet (Sclafani 1995). Für Jungtiere spielt auch das Vorbild der Elterntiere sowie die Muttermilch eine wichtige Rolle beim erlernen des Selektionsverhaltens.

Unbekanntes Futter wird von Kaninchen mit einem Probebiss getestet. Folgen daraufhin negative Reaktionen (Unwohlsein, Bauchschmerzen...) wird das Futter in Zukunft gemieden.

Dieses Prinzip erweißt sich als äußert effektiv und ermöglicht es den Kaninchen auch in Habitaten mit unbekannten Futterpflanzen zu überleben.

Problematisch wird es allerdings, wenn die Gifte der Pflanzen Langzeitwirkungen entwickeln, die Giftmenge in den Pflanzen schwankt oder Futtermittel in Wechselwirkung miteinander treten.


Auch domestizierte Tiere sind in der Lage, die Selektion zu erlernen (Rose und Kyriazakis 1991). Es konnte an verschiedenen Haustierarten wie Ratten (Sclafani 1995), Mäusen (Freeland et al. 1981) und Hausschweinchen (Lindmayer und Propstmeier 2006, Ettle und Roth 2005) gezeigt werden, dass diese ihren Nährstoffbedarf effektiver decken, wenn sie aus verschiedenen unterschiedlichen Komponenten wählen können, als wenn sie ein Futter mit definiertem Bedarf erhalten.

Domestizierte Schafe (Provenza et al. 2000) und Mäuse (Freeland et al. 1981) sind in der Lage, Futtermittel so miteinander zu kombinieren, dass die Substanzen ungefährlich werden.

Auch bei Hauskaninchen kann ein selektives Futterwahlverhalten beobachtet werden. Selbst bei einer reinen Heuernährung wird immer wieder von Haltern beobachtet, dass die Tiere bestimmte Teile bevorzugen und andere meiden.

Allerdings sind Tiere nicht in der Lage uneingeschränkt zu selektieren. Zwar sind die Grundlagen der Selektion angeboren, aber vieles muss durch Versuch und Irrtum erlernt werden. Daher müssen die Tiere lernen, mit verschiedenen Wirkstoffen richtig umzugehen. Stark oder tödlich giftige Pflanzen sind problematisch, wenn sie bereits in geringen aufgenommenen Mengen gefährlich werden.

Beeinträchtigt werden kann dieses Verhalten durch Stoffwechselstörungen (bei Kaninchen allerdings selten), durch eine vorige vollkommen unangemessene Ernährung und dadurch zerstörte Darmflora, besondere Krankheiten (z.B. Atemwegserkrankungen, dadurch Mangel an Geruchsidentifizierung) und vorhergehenden Mangel an Frischfutter. Hat das Kaninchen lange Zeit nur Trockenfutter erhalten, muss langsam an größere Mengen Frischfutter gewöhnt werden.


Auch die Haltung des Tieres spielt eine wichtige Rolle. Ist ein Kaninchen gelangweilt oder gestresst, kann es zur übermäßigen, nicht selektiven Aufnahme von Futter kommen.

Das Kaninchen muss stets ausreichend Auswahl und Vielfalt an geeignetem Futter zur Verfügung haben. Ist ein Kaninchen eingeschränkt, kann die Selektionsfähigkeit beeinflusst werden.




Quellen

Boback, Alfred W.; Das Wildkaninchen: (Oryctolagus cuniculus (Linné, 1758); 2., unveränd. Aufl.; Nachdr. der 1. Aufl., Wittenberg Lutherstadt, Ziemsen, 1970; Hohenwarsleben; Westarp-Wiss.-Verl.-Ges.; 2004; (Die neue Brehm-Bücherei; 415); ISBN 3-89432-791-X

Ettle T., Roth F.X. (2005): Selektive Nährstoffaufnahme bei Futterselbstauswahl beim Nutztier, Fachgebiet Tierernährung und Leistungsphysiologie, Technische Universität München, Freising

Freeland W.J., Calcott P.H., Anderson L.R. (1981): Tannins and Saponins; Interaction in Herbivore Diets, Biochemical Systematics ans Ecology, 13(2): 189-193

Garcia, J., Hankins, W.G., Rusiniak, K.W. (1974): Behavioral Regulation of Milieu Interne in Man and Rat. Science 185, 824-831

Lindmayer Dr. H., Propstmeier G. (2006): Freie Futterwahl (Cafeteriafütterung) in der Ferkelaufzucht - Versuchsbericht, Landesanstalt für Landwirtschaft, Institut für Tierernährung und Futterwirtschaft, ITE 2 – Schweinefütterung

Mitsch, U. : Untersuchungen zu extensiv bewirtschaftetem Ansaat- und Dauergrünland unter Beweidung durch Ochsen und Färsen – Schwerpunkt: selektive Futteraufnahme –, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 2009

Provenza F.D., Burrit E.A., et al. (2000): Self-regulation of Polyethylen Glycol by Sheep Fed Diets Varying in Tannin Concentrations, Journal of Animal Sience: 1206-1212

Rogers, P.M. 1994: In: Handbuch der Säugetiere, Band 3/II Hasentiere – Lagomorpha, AULA-Verlag, Wiebelsheim 2003

Rose, S. P. und Kyriazakis, I. (1991): Diet selection of pigs and poultry. Proc. Nutr. Soc. 50, 87-98

Rutkoski, N.J., Levenson, C.W. (2000): Self-selection of copper-containing diets by copperdeficient and overloaded rats. Physiology & Behavior 71, 117-121

Sclafani, A. (1995): How food preferences are learned: laboratory animals model. Proceedings of the Nitrition Society 54, pp. 419-427