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Ernährung der Wildkaninchen
Kaninchen zählen zu den sogenannten Herbivoren (Pflanzenfressern), genauer zu den Folivoren (Blattfressern) (Schlolaut 2003). Das Kaninchen ist ein Kulturfolger (Hemerophile). Sie erlangen Vorteile daraus, dem Menschen in seine Kulturlandschaft zu folgen.
Die Bevorzugung von verschiedenen Pflanzenarten hängt stark von Angebot ab. Nur in Mangelzeiten werden trockene und abgestorbene Pflanzen gefressen. Ansonsten bevorzugen Kaninchen nach Rogers (1994) Gräser und dikotyle Pflanzen als Hauptnahrung. Nach Turcek (1959) machen Kräuter den Hauptteil der Nahrung aus. Ergänzt wird mit Blättern von Bäumen/Sträuchern und was das Habitat noch hergibt. Genutzt werden nach Möglichkeit unter anderem Kulturpflanzen wie verschiedene Kohlsorten, Rüben, Getreide, Klee, Kartoffeln und auch Weinreben. Bevorzugt werden Pflanzen mit hohem Eiweißgehalt (z.B. Disteln), sowie Heilkräuter und Wildgemüse.Nur Überbeweidung, Trockenheit und Vegetationsruhe (Winter) veranlassen die Kaninchen dazu trockene, abgestorbene Grünpflanzen, Wurzeln oder verholzte Triebe zu fressen.
Die Fortpflanzungs- und Wachstumsphase ist die Zeit des höchsten Nährstoffbedarfs. Zu dieser Zeit basiert ihre Ernährung im wesentlichen auf leichtverdaulichen eiweißreichen Blättern und Triebspitzen. In Grünfutterarmen Zeiten als im Winter und frühen Frühjahr stellen das aufgelaufene Wintergetreide, Moose, Knopsen und Triebe sowie Rinde von verschiedenem Gehölz zur Verfügung. Gefressen werden dabei gerne Laubgehölz wie Akazie, Weißbuche, Esche, Roteiche, an Nadelgehölz Fichte, Tanne und Kiefer und an Obstgehölz Quitte, Mispel, Apfel, Birne sowie Kirsche. Holunder wird nicht gefressen.
Die Nahrung der Wildkaninchen hat einen Wasseranteil von 60-90%. Der Nährstoffbedarf kann daher nur durch die Aufnahme großer Futtermengen gedeckt werden. Ein Wildkaninchen nimmt täglich etwa 80% seines Lebendgewichtes an Grünfutter auf. Dies setzt eine kurze Verweildauer der Nahrung im Kaninchenmagen voraus. Die Nahrungsaufnahme erfolgt hauptsächlich Nachts, wobei nach Selzer (2000) von der Abenddämmerung bis Sonnenaufgang 2-6 Stunden mit Fressen verbracht wird. Durchschnittlich werden nach Grün (1989) ca. 40 Mahlzeiten aufgenommen werden.
Der Wasserbedarf wird hauptsächlich durch die Nahrung gedeckt. Zusätzlich werden Pflanzen, die von Regen oder Tau bedeckt sind, abgeleckt. Nur in sehr trockenen Zeiten werden Wasserstellen aufgesucht.
Wildkaninchen sind bei der Nahrungsaufnahme sehr wählerisch, wenn ihnen genügend Auswahl zur Verfügung steht. Sie bevorzugen gut verdauliche und proteinreiche Kost. Die Nahrungswahl ist abhängig vom Angebot und Bedarf. Kaninchen sind in der Lage, ihren Nährstoffbedarf gezielt durch Selektion bestimmer Nahrungskomponenten zu decken. Während im Frühjahr bevorzugt das vielfältige Angebot von jungen Kräutern und Gräsern genutzt wird, wird die Aufnahme von stärke- und zuckerreicher Kost auf den Winter hin wichtig. Wildkaninchen nutzen das im Spätsommer und Herbst zur Verfügung stehende Früchte inform von Obst und Samenständen von Gräsern und kultiviertem Getreide, um ihre Energiereserven für den Winter zu füllen. Diese Energiereserven dienen nicht nur um Nahrungsmangel zu überbrücken, sondern sind auch bei Mangel an Flüssigkeit nötig. Durch ihr Fettdepot müssen die Wildkaninchen im Winter weniger Nahrung aufnehmen, wodurch weniger lebenswichtige Flüssigkeit verstoffwechselt wird. Näheres zum Selektionsverhalten: Selektion und Futterwahl
In Mangelzeiten sind Kaninchen dank ihrer Verdauung in der Lage, durch Fermentation von Cellulose zusätzliche Nährstoffe aus eigentlich nährstoffarmen Futter zu gewinnen. Das Ergebnis ist der Blinddarmkot, ein nährstoffreicher Brei. Die Bakterien im Blinddarm arbeiten allerdings nur, wenn genügend Flüssigkeit vorhanden ist. Wird diese Flüssigkeit nicht aufgenommen, stellt der Körper sie durch Abbau von wichtigem Körperfett zur Verfügung.
Wildkaninchen im Winter Das Angebot an Futterpflanzen ist im Winter in Europa weniger reichhaltig als im Frühjahr. Allerdings sind die Winter vergleichsweise mild, so dass Zeiten, in denen Böden gefroren und Schnee sehr hoch liegt selten lange anhalten. Da Pflanzen ab einer Temperatur von etwa 4 - 5°C wachsen, finden die Kaninchen in ihren bevorzugten Lebensräumen i.d.R. auch im Winter ausreichend Futter. Zudem verfügen einige Pflanzen über Mechanismen, um sich vor dem Einfrieren zu schützen, wodurch sie den Kaninchen eine Nahrungsquelle für frisches Grün bieten. Ergänzt wir der Speiseplan mit Gehölzen, verzehrt werden gerne Knospen, Triebspitzen und Rinden, sowie Wurzeln, welche gezielt ausgegraben werden. Im Winter sind die Kaninchen überwiegend mit der Nahrungssuche beschäftigt (v. HOLST 1998, 2001). Sie bewegen sich kaum und verbringen ihre aktive Zeit fast ausschließlich mit Fressen. Kritische Nahrungssituationen werden gegebenenfalls mit einer Stoffwechselsenkung um bis zu 30% kompensiert.(EISERMANN et al. 1993, v. HOLST 1998). Während Wildkaninchen selten verhungern, treten Darmerkrankungen (insbesondere Darmkokzidiose) besonders in harten Wintern gehäuft auf. In Untersuchungen von Holst (2004) waren im Winter in 90% der Todesfällen von adulten Kaninchen Darmerkrankungen die Ursache. Beobachtungen an wilden Kaninchen im Winter finden sich hier: Beobachtungen an Kaninchenpopulationen - Wilde Kaninchen im Winter
Warum lässt sich die Ernährung der Wildkaninchen zum Vergleich bei Hauskaninchen verwenden? Im Abschnitt "Wildkaninchen in Deutschland" unter Über Kaninchen wird erläutert, dass es sich bei hier lebenden wilden Kaninchen vermutlich um mehr oder weniger verwilderte domestizierte Kaninchen handelt. Ihre Ernährungsweise unterscheidet sich nicht grundlegend von der anderer Wildkaninchen. Dazu kommt, dass Kaninchen sehr lange Zeit von frischem Futter, Garten- und Küchenabfällen ernährt wurden. Fertigfutter ist eine eher neumodische Erscheinung. Hauskaninchen hatten also keinen Grund, sich an eine andere Ernährungsweise anzupassen. Auch Hauskaninchen unter semi-natürlichen Bedingungen zeigen ebenso wie Hauskaninchen, welchen die Möglichkeit geboten wird, dass ihre Nahrungswahl der Kost der wilden Kaninchen gleicht.
Quellen Allgöwer, R.; Wildkaninchen, Oryctolagus Cuniculus (Linnaeus, 1758); in: Braun, M. & Dieterlen, F. (Hrsg.); 2005; Die Säugetiere Baden-Württembergs; Band 2; Verlag Eugen Ulmer Stuttgart; ISBN 3-8001-4246-5 Boback, Alfred W.; Das Wildkaninchen: (Oryctolagus cuniculus (Linné, 1758); 2., unveränd. Aufl.; Nachdr. der 1. Aufl., Wittenberg Lutherstadt, Ziemsen, 1970; Hohenwarsleben; Westarp-Wiss.-Verl.-Ges.; 2004; (Die neue Brehm-Bücherei; 415); ISBN 3-89432-791-X Holst, D. v. (1998): The concept of stress and its relevance for animal behavior. Advances in the Study of Behavior 27: 1131. Holst, D. v. (2001): Social stress in wild mammals in their natural habitat. In „Coping with challenge: welfare in animals including man“ (D. Broom, ed.), pp. 317335. Dahlem University Press, Berlin. Holst, D. v., Hutzelmeyer, H., Kaetzke, P.,Khaschei, M. & Schönheiter, R. (1999): Social rank, stress, fitness, and life expectancy in wild rabbits. Naturwissenschaften 86: 388393. Holst, D. v., Hutzelmeyer, H., Kaetzke, P.,Khaschei, Rödel, H. & Schrutka, H. (2002): Social rank, fecundity and lifetime reproductive success in wild European rabbits (Oryctolagus cuniculus). Behav. Ecol. Sociobiol. 51: 245254. Mitsch, U. : Untersuchungen zu extensiv bewirtschaftetem Ansaat- und Dauergrünland unter Beweidung durch Ochsen und Färsen Schwerpunkt: selektive Futteraufnahme , Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 2009 Schlolaut, W. (Hrsg) in Zusammenarbeit mit Lange, K.; Das große Buch vom Kaninchen; 3., erw. Aufl.; Frankfurt am Main; DLG-Verl., 2003; 488 S.; ISBN 3-7690-0592-9 Selzer, D.; Jauker, F.; Hoy, St. (2000): Vergleichende Untersuchungen zum Säugeverhalten von Wild- und Hauskaninchen. Proc. Aktuelle Arbeiten zur artgemäßen Tierhaltung. Rogers, P.M. 1994: In: Handbuch der Säugetiere, Band 3/II Hasentiere Lagomorpha, AULA-Verlag, Wiebelsheim 2003
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