Lebensraum und Lebensweise


Biotope

Wildkaninchen haben bestimmte Bedürfnisse und stellen bestimmte Ansprüche an ihren Lebensraum. Als Steppenbewohner bevorzugen sie trocknen Boden und trockenes Klima, gegen Feuchtigkeit und Wind ist es empfindlich.

Wildkaninchen meiden höhere Gebirge und kommen daher nur bis Höhenlagen von 600 m vor. Zudem werden auch schwere, feuchte Böden gemieden. Vermutlich, da hier das Graben von Bauten problematisch ist und der Boden zu kalt bzw. zu feucht. Genauso gemieden wird Flugsand, da der Boden eine gewisse Bindigkeit und Bearbeitbarkeit zum anlegen der Bauten aufweisen sollte.

Geschlossene Wälder meiden Kaninchen in der Regel, besiedeln aber bevorzugt die Randgebiete. Auch schwere Ackerböden eigenen sich nicht zu Besiedlung. Schwere Lehmböden werden nur genutzt, wenn das Gelände von Schluchten durchzogen wird.

Bevorzugt wird ein welliges, leicht hügeliges Gelände mit Sandboden, Kräutern und lückigem Gebüsch oder trockene, lückige Kiefernkulturen und -dickungen, besonders wenn diese an Wiesen und Feldern grenzen. Gerne siedeln Kaninchen auch auf Friedhöfen, Parks, Industriegebieten und brach liegenden Flächen (Leicht 1979).

Abbildung 1. Biotop. Bäume, Hecken und weite, naturbelassene Wiesenflächen mit vielen ursprünglichen Gräsern und Kräutern bieten wilden Kaninchen einen idealen Lebensraum. Abbildung 2. Biotop.Stimmt das Angebot an Nahrung und die Beschaffenheit des Bodens, findet man wilde Kaninchen auch auf weit offenen Flächen.


Territorien

Das Territorium ist das Gebiet, dass die Tiere in artspezifischer Weise markieren und eine erhöhte Verteidigungsbereitschaft äußern. Das Territorium einer Kolonie beträgt nach Angermann (1972) etwa 20 ha. Die Wechsel dehnen sich allgemein auf etwa 500 m, selten bis 600 m aus.

Die individuellen Gebiete der einzelnen Familiengruppen sind unterschiedlich groß. Ein Kaninchenweibchen benötigt nach Brüll (1958) je nach Biotop eine Äsungsfläche von 100 m² bis 10.000 m². Im Herbst sind Kaninchen oft viel weiter von ihrem Bauten entfernt.

Die Größe des genutzten Gebietes ist abhängig von Geschlecht, sozialem Rang und dem Alter der Kaninchen.

Kaninchen sind ausgesprochen Ortstreu. Versuche von Niethammer, Kaninchen in bestimmten Entfernung zu ihrem Wohngebiet auszusetzen zeigten, dass sie bei einer Entfernung von 600 m noch zurückwanderten. Bei 1100 m blieben die Tiere am neuen Ort. Die Grenze für das Heimfinden liegt bei männlichen Kaninchen bei etwa 800 m, bei weiblichen Tieren bei 600 m.

Neben der Größe des Territoriums spielt auch dessen Ausstattung eine wichtige Rolle für das Verhalten der Tiere. Zu dem Territorium der Tiere zählt der jeweilige Wohnbau der Kaninchen sowie Ruheplätze außerhalb des Baues. Ebenso zählen Fress-, Kot- und Harnplätze, Wechsel, Bade- oder Suhlplätze, Markieriungsstellen und Komfortorte etc. zum Territorium der Kaninchen.

Abbildung 3. Pfade. Innerhalb ihrer Territorien legen Kaninchen Wechsel an, die sich über mehrere Meter erstrecken. Abbildung 4. Pfade im Winter. Im Schnee lassen sich die Wechsel besonders gut erkennen. Abbildung 5. Reviermarkierung. Markiert wird das Revier mittels Kot, Urin und Drüsensekreten, welche von den Tieren verteilt werden. Durch Scharren werden die Duftmarken besser ersichtlich gemacht.


Bauten

Kaninchen legen in der Regel Bauten an. Unter besondern Umständen können sie aber darauf verzichten, dann ist die Vermehrungsrate allerdings deutlich niedriger als in Regionen mit günstigen Bodenverhältnissen (Boback 1970). Bevorzugt werden Gebiete, in denen Baue angelegt werden können. Sind diese Reviere besetzt, weichen Kaninchen auch in Gelände aus, die weniger geeignet für Baue sind, aber andere Möglichkeiten bieten Zum Beispiel in Holzlagern zwischen Bretterstapeln oder unter gestapelten Eisenbahnschwellen finden die Tiere Unterschlupf. Eibesfeldt beobachtete Kaninchen, die in Höhlungen von Bäumen bis 2 m über dem Boden lebten, in denen sie ihre Nester hatten und bei Gefahr flüchteten.

Der Bau dient als Schutz vor Raubtieren und Witterungseinflüssen, teilweise auch der Jungenaufzucht. Kaninchen halten sich die meiste Zeit des Tages in der Nähe ihres Baues auf, in der Regel entfernen sie sich nicht weiter als 50 m bis 200 m.

Die Wohnbauten werden an sonnigen Stellen, Hügeln, Wällen, Dämmen, Flussufern etc. angelegt. Besteht die Möglichkeiten, werden die Eingänge verdeckt angelegt. Jeder Wohnbau enthält einen Kessel und mehrere gewinkelte Röhren. Meistens finden sich mehrere Eingänge.

Die Gesamtlänge der Gänge kann bis zu 45 m erreichen. Ist der Boden weniger zum Graben geeignet, werden Setzröhren von 50 bis 100 cm zur Jungenaufzucht angelegt.

Der Bau besteht in der Regel aus mehreren gewinkelten und geraden Röhren mit einem Durchmesser von etwa 15 cm, die in einen Kessel (Durchmesser 30-60 cm) führen. Die Zahl der Eingänge ist abhängig von der Anzahl der Gruppenmitgliedern. Die Haupteingänge sind frei von Pflanzenbewuchs.

Abbildung 6. Bauten. Bauten können in Deckung oder auf offenem Feld angelegt sein.


Soziales

Kaninchen sind sozial lebende Tiere. Sie bilden Kolonien, wobei Hunderte in enger Nachbarschaft hausen können. Eine Kolonie umfasst ausgedehnte Wohnbauten. Im Spätsommer und Herbst finden sich auch vermehrt einzeln lebende Tiere.

Innerhalb einer Kolonie bilden Kaninchen kleine Gruppen von bis 10 Tieren. Die Gruppen bestehen aus männlichen und weiblichen Tieren verschiedenen Alters, oft einem Paar und deren Nachkommen. In der Regel sind es vier bis sechs Weibchen und zwei bis drei Rammler (Myers und Poole 1961). Jede dieser Gruppen besitzt ein eigenes Territorium mit Erdhöhle. Graben ist eine Gemeinschaftsleistung der Alttiere.

Im allgemeinen ist das Verhalten der Kaninchen friedlich, Kämpfe kommen weniger vor. Bei Kämpfen kommt es selten zu ernsthaften Verletzungen, da rangniedrigere Tiere ausweichen können.

Kaninchen leben in geschlechtsgebundenen Rangordnungen, ein Rammler herrscht über die anderen Rammler und eine Zibbe über die Weibchen. Die Kolonie wird von dem "Platzrammler" regiert, ein zweitranghöchster Rammler kann sich als dessen Satellit betätigen.

Hauptartikel: Verhalten



Quellen

Angermann, R.; in Grzimeks Tierleben, Enzyklopädie des Tierreichs; Zürich; Kindler; 3. Bd. XIII Säugetiere; Erstausgabe; 1972, (S. 419 - 450)

Brüll, H. (1958): Jagliche Forschung auf landschaftsbiologischer Grundlage. In: Boback, Alfred W.; Das Wildkaninchen: (Oryctolagus cuniculus (Linné, 1758); 2., unveränd. Aufl.; Nachdr. der 1. Aufl., Wittenberg Lutherstadt, Ziemsen, 1970; Hohenwarsleben; Westarp-Wiss.-Verl.-Ges.; 2004; (Die neue Brehm-Bücherei; 415); ISBN 3-89432-791-X

Boback, Alfred W.; Das Wildkaninchen: (Oryctolagus cuniculus (Linné, 1758); 2., unveränd. Aufl.; Nachdr. der 1. Aufl., Wittenberg Lutherstadt, Ziemsen, 1970; Hohenwarsleben; Westarp-Wiss.-Verl.-Ges.; 2004; (Die neue Brehm-Bücherei; 415); ISBN 3-89432-791-X

Leicht, W. H. (1979): Feldhase und Wildkaninchen. In: Tiere der offenen Kulturlandschaft. Verlag Quelle und Meyer, Heidelberg, 101-160

Myers, K. u. W. Poole (1961): The effects of season and population increase on behaviour. C.S.I.R.O. Wildl. Res. 6, 1-41

Myers, K. u. W. Poole (1963): A study of the biology of the wild rabbit in confined populations. C.S.I.R.O. Wildl. Res. 8, 166-203

Stolte, H.-A. (1950): Über Entwicklung und Vererbung des Temperaments wilder und domestizierter Kaninchen. In: Boback, Alfred W.; Das Wildkaninchen: (Oryctolagus cuniculus (Linné, 1758); 2., unveränd. Aufl.; Nachdr. der 1. Aufl., Wittenberg Lutherstadt, Ziemsen, 1970; Hohenwarsleben; Westarp-Wiss.-Verl.-Ges.; 2004; (Die neue Brehm-Bücherei; 415); ISBN 3-89432-791-X